Anja Schultze: Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit - 10 Jahre Substitution im Bremer Strafvollzug

In ihrer empirisch ausgerichteten Dissertation untersucht Frau Schultze die Praxis der Methadon-Vergabe im Bremer Strafvollzug, der seinerzeit als eine der ersten Justiz-Institutionen mit großem Elan diese Behandlungsform der Drogenabhängigkeit praktizierte. Frau Schultze betritt damit in doppelter Weise Neuland: Bisher existiert meines Wissens - zumindest im deutsch- und englisch-sprachigen Bereich - weder eine einschlägige Analyse der Methadon-Vergabe in geschlossenen Institutionen noch eine zureichende institutionsbezogene Evaluation medizinisch-therapeutischer Behandlungsansätze in derartigen ‘totalen Institutionen’.

Einleitend stellt Frau Schultze kenntnisreich die Vorgeschichte dieser Behandlungsform insbesondere auch aus der Sicht einer sich längere Zeit diesem Ansatz verweigernden Bremer Politik vor, die dann jedoch bald nach ersten Methadonschritten in den Jahren 1988/89 bereits 1990 relativ großzügig diese Behandlungsform im Strafvollzug einführte: „Bremen war damit eines der ersten Bundesländer mit Methadon-Substitution im Strafvollzug. Obwohl inzwischen in vielen Justizvollzugsanstalten anderer Bundesländer auch substituiert wird, gibt es die Substitution weder in allen Bundesländern, noch innerhalb eines Bundeslandes flächendeckend in allen Justizvollzugsanstalten" (S.13). Als mögliche Alternativen werden kurz Beispiele der Spritzenvergabe und Heroinvergabe angeführt. Angesichts der zunehmenden Drogenproblematik in den Strafanstalten erweist sich jedoch die Methadonvergabe für den Vollzug als optimale Lösung, läßt sie sich doch „durch die Vorgabe von entsprechenden Richtlinien praktisch beliebig regulieren ... Gleichzeitig wird die Substitution als medizinische Behandlung ... ausschließlich von den Ärztlichen Diensten der Anstalten veranwortet, d.h. der Justizvollzug muß keine Aufgaben im Rahmen der Behandlung übernehmen" (22). Freilich führt die zunehmende „Überfüllung der Gefängnisse, eine immer schwieriger werdende Gefangenenstruktur bei gleichzeitig knappen öffentlichen Mitteln, die auch mit Einsparungen beim Personal einhergehen, zu Arbeitsbedingungen, die den Sinn der Vollzugsarbeit in Frage stellen" (23).

Frau Schultze schildert sodann plastisch die Schwierigkeit, in einer solchen Anstalt eine qualitative Untersuchung durchzuführen, wobei sie insbesondere auch auf die im Anhang wiedergegebene Problematik des Datenschutzes hinweist. Trotz dieser für einen Außenstehenden gelegentlich kaum nachvollziehbaren Widrigkeiten gelingt es ihr, in vier Schritten zunächst quantitativ die medizinischen Anstaltsakten durch eine Praktikantin (Auflage des Datenschutzes!) auszuwerten, Experten-Interviews und Betroffenen-Interviews in den verschiedenen Teilanstalten durchzuführen und die dortige Atmosphäre teilnehmend mitzuerleben, sowie schließlich auch drei Follow-up-Interviews zu gewinnen: „Für Außenstehende bleibt das Eigenleben des Gefängnisses weitgehend unzugänglich. Wenn man als Einzelperson allerdings ein Forschungsvorhaben durchführen will und sich zu diesem Zweck häufig im Gefängnis aufhält, erhält man nicht nur durch Beobachtungen .... einen vagen Eindruck über die Verhältnisse, sondern man wird selbst den herrschenden Strukturen unterworfen... und erhält so unerwartet Einblicke" (29).

Die Dokumentenanalyse der Gesundheitsakten und Substitutionsausgabeprotokolle zum Stichtag vom 31.8.1998 erbrachte - mit entsprechenden Lücken - 102 aktuell Substituierte, die innerhalb von zwei Jahren zwischen 1996 und 1998 nicht nur kurzfristig (etwa wegen vorübergehender Verlegung u.ä.) substituiert worden waren. Vorwiegend männlich, deutsch, im Alter zwischen 20 und 49, zur Hälfte mit abgeschlossener Berufsausbildung und zu 87% mit vorangegangener (zumeist mehrmaliger) Hafterfahrung und weiteren offenen Verfahren; ‘politoxikoman’, zumeist mehrjährig vom Heroin abhängig, doch: „Wenn man von dem Fall absieht, in dem der Drogenkonsum in der JVA begonnen wurde, dann fehlen Angaben zur Dauer der Heroinabhängigkeit in 40 Fällen" (40). HIV und Hepatiden sind überaus häufig - nur 16 Personen sind laut Gesundheitsakte nicht infiziert (41), wobei - bei den Hepatiden - „in 4 Fällen (5,1%) eine Neuinfektion möglicherweise und in 7 Fällen (8,9%) eine Neuinfektion sicher während der Haftzeit erfolgt ist ... Obwohl die dramatische Zunahme an Infektionen mit Hepatitis C schon seit einigen Jahren bekannt ist und diskutiert wird, sind sowohl die Kenntnisse zur Infektionsprophylaxe einer Hepatitis, als auch das Risikobewußtsein - im Gegensatz zu HIV - bei den Drogenkonsumenten noch sehr gering" (42). Von diesen Substituierten wurden 39% in der JVA neu eingestellt, die anderen wurden bereits vor Haftantritt substituiert; die durchschnittliche Dosis lag bei ca 6 ml - bei Werten zwischen 0,5 und 14 ml. Besonders bemerkenswert sind die ausführlicher besprochenen Verlaufskurven, in denen sowohl die häufigen Dosis-Reduktionen wie insbesondere der Abbruch bei einmalig entdecktem Beigebrauch kritisiert werden: „Damit werden Ziele der Substitution aufgegeben, nämlich der Schutz vor Infektionskrankheiten... und die Möglichkeit für Drogenabhängige, durch Methadon Abstand zur Drogenszene und dem bisherigen auf Drogen konzentrierten Lebens zu gewinnen" (50). Daten zum Beigebrauch, relativ seltenen Urin-Kontrollen und ärztlich verordneten Medikamenten ergänzen das Bild: 73,5% erhielten zusätzlich ein bis drei Medikamente mit psychotroper Wirkung (56). Eine regelmäßige psychosoziale Begleitung fand sich nur bei 11 Personen, weitere 26 nutzten die Angebote nur sporadisch (59f).

Bei den in der Regel mit Tonband aufgenommenen und transkribierten Experten-Interviews betont die Anstaltsleitung die strikte Trennung von Ärztlichem Dienst und Vollzugsanstalt, doch zeigt sich ihr Einfluß deutlich bei der Frage der Vollzugslockerungen wie aber auch bei der Einrichtung einer Weitersubstitutions-Möglichkeit seitens der Anstalt nach Haftentlassung, die zuletzt noch von 8 Personen genutzt wurde (71). Insgesamt wird diese Behandlung „positiv bewertet, wenn damit auch nicht alle Probleme, insbesondere das der Politoxikomanie oder der relativ verbreitete Konsum von Kokain, der vor zehn Jahren noch eine Seltenheit im Vollzug war, gelöst sind" (73). Die befragten Aufsichtsbeamten, die anfangs dieser Methode sehr kritisch gegenüberstanden, doch nunmehr den ‘reibungsloseren Ablauf in den Vollzugsgruppen’ schätzen, unterstrichen das Fehlen zureichend systematischer Informationsveranstaltungen (74) und die sehr schlechten Kontakte zum ärztlichen Dienst, die insbesondere bei den durch Abdosierung ausgelösten Krisen und in Notfällen relevant werden: „Die Bediensteten beurteilen die vorhandenen Kommunikationsstrukturen innerhalb des Vollzuges sehr kritisch und begründen dies mit den Eigeninteressen des jeweiligen Teilbereiches, die ein übergeordnetes, zielgerichtetes Vorgehen verhindern" (76). Aus ärztlicher Sicht sei der intravenöse Konsum von Heroin zurückgegangen (87); im Bereich der vom ärztlichen Dienst nicht mehr leistbaren ‘psychozoialen Hilfe’, die zum normalen Resozialisierungsangebot der Anstalt gehöre, habe sich die „bisherige Praxis, Bedienstete des Vollzugs, die sogenannten Ansprechpartner, zum psychosozialen Angebot zu zählen, nicht bewährt" (91). Vor allem der Psychologe, der anfangs zusammen mit dem Anstaltsarzt das Programm entscheidend mit vorangetrieben hatte, äußert sich enttäuscht,- zum Teil wegen der zunehmenden Politoxikomanie, vor allem aber wegen der aus Kostengründen schwindenden Kapazitäten für das psychosoziale Angebot, das auch nicht durch Schaffung dauerhafter externer Angebote gelöst werden konnte: „Das Problem, daß die Kapazitäten des Medizinischen Dienstes nicht ausreichten, um alle Substituierten mit einer ausreichenden psychosozialen Begleitung zu versorgen, wurde mit einer Umdefinition der psychosozialen Betreuung gelöst, wonach diese Aufgabe.... laut Strafvollzugsgesetz bereits durch die Justizvollzugsanstalt selbst erfüllt wird" (97); „Aufgaben, die zur sozialen Stabilisierung der Substituierten beitragen können, werden der Haftanstalt überlassen, ohne daß es zu einer fachübergreifenden Koordination kommt" (104), wobei insbesondere von beiden Seiten die ‘ärztliche Schweigepflicht’ entsprechend instrumentalisiert wird (68; 105).

Dies eher negative Bild rundet sich aus Sicht der 30 interviewten Substituierten, die „praktisch vor den Augen der Bediensteten und/oder anderen Gefangenen zustande" kam (107). Als Vorteil wird hier primär die legale Möglichkeit gesehen, Entzugsbeschwerden entgegenzuwirken, während „eine Verhaltensänderung in Richtung Drogenfreiheit oder regelkonformes Verhalten, wie es im Prinzip die strengen Regeln zum Beigebrauch erfordern (einmalig nachgewiesener Beigebrauch führt zur Beendigung der Substitution) werden dabei von den Substituierten nicht unbedingt angestrebt" (116). Bei äußerst geringem Vertrauen in die Anstaltsmedizin, deren Gründe im einzelnen näher dargestellt werden, wird vor allem die Art der Kommunikation mit dem Arzt kritisiert - etwa bei der Bitte um Mittel gegen Zahnschmerzen; Probleme bestehen auch bei Aufnahme in das Programm und inbesondere mit der Beigebrauchs-Regelung, sie „wird von allen Befragten als unrealistisch und kontraproduktiv abgelehnt, weil die Substituion in Haft eben nicht gleichzeitig auch die Bearbeitung der Drogenproblematik beinhaltet, ohne die aber kaum bzw. nur bedingt eine Verhaltensänderung erwartet werden kann, während gleichzeitig die von Monotonie und unerträglicher Langeweile gerpägte Haftsituation das bisherige Drogenverhalten fördert" (132). Interessant auch der zum Teil gezielte Umgang sowohl mit hohen Methadon-Dosen wie auch mit psychotropen Medikamenten sowie ein einsichtig eindeutiger Zusammenhang zwischen der Art des Methadon-Entzuges und dem Rückfall in die Drogen-Subkultur der Anstalt: „Die Erfahrung... im Gefängnis vor allem das Warten lernen zu müssen, ansonsten aber nur verwahrt zu werden, während die oft zahlreich vorhandenen Probleme ungelöst bleiben.... bewältigen einige der Befragten, indem sie über Drogenkonsum vorübergehend aus der Realität aussteigen.... Beikonsum kommt häufig vor, wenn die gewohnte Methadon-Dosis reduziert wird" (140). Die sog. psychosoziale Begleitung wird - bei hohem Bedarf an Gesprächen und Unterstützung - weithin als fehlend geschildert. Nachteile reichen vom Erwartungsdruck der Anstalt über das geringe Ansehen sowohl bei Vollzugsbeamten wie bei Mithäftlingen.

Ergänzt werden diese allgemeinen Aussagen sowohl durch Hinweise auf relative positive Erfahrungen in der sehr viel kleineren Anstalt in Bremerhaven, in der die Substitution durch einen von außen kommenden Arzt und die Betreuung durch die ebenfalls von außen kommende Brücke Bremen vorgenommen wird. Sowie durch einen sehr negativen Befund für die Jugendstrafanstalt, für die die Methadonvergabe in derzeitiger Form als fehlerhaft dargestellt wird („Der herkömmliche Jugnedvollzug, wie er in Bremen praktiziert wird, ist für die meisten Drogenabhängigen mit oder ohne Substitution kontraproduktiv" 157), und einen problematischen Befund für die Freigängeranstalt Fuchsberg, da hier bei erhöhter ‘Real’-Belastung jegliche Betreuung fehle.

Die Situation der Haftentlassung, die mit zwei ‘betreuten’ und einem ‘selbständigen’ Entlassenen besprochen werden konnte, ist gekennzeichnet sowohl durch Unsicherheit des Entlass-Termins wie durch fehlende Koordination zwischen Anstalt und Umfeld, in das der Substituierte entlassen wird: „Eine ... frühzeitige und individuelle Entlassungsvorbereitung wird derzeit in den Bremer Gefängnissen nicht praktiziert" (168); dies gilt insbesondere dann, wenn die Entlassung zum Endzeitpunkt der Haft erfolgt. „Zwar weisen Anstaltsleitung und Gefängnispersonal immer wieder gerne darauf hin, daß das Gefängnis keine therapeutische Anstalt sei ... Da aber im Bremischen Strafvollzug durchschnittlich 40% der Gefangenen drogenabhängig sind, für die das Ziel der Resozialisierung ebenso gültig ist, wie für nichtabhängige Gefangene, wird man über die punktuellen Hilfen in der Entlassungsvorbeitung weit hinausgehen und viel stärker begleitend tätig werden müssen" (171)

In ihrer abschließenden Bewertung betont die Autorin einerseits die gesundheitliche Verbesserung, der andererseits jeglicher Ansatz zu einer Resozialisierung mangele. „In einer solchen Situation wäre es sinnvoll, statt immer rigidere Kontrollmaßnahmen einzuführen, die lediglich die bereits bestehende Kluft zwischen Drogenabhängigen und Medizinischem Dienst bzw. Anstalt vergrößern, aber auch Unzufriedenheit der Bediensteten mit den für die Substitution Verantwortlichen weiter verstärken, die Ziele dieser Behandlung neu zu überdenken" (175) und zwar in Richtung einer einfachen schadensbegrenzenden Überlebens-Hilfe, zumal die Substituierten „über eine große Erfahrung bei der Selbstmedikation verfügten" (176).

Stephan Quensel 17.11.2000