Grotthaus, Tatjana: „Ich bin zwischen zwei Welten".Sozialisationsprozesse und Lebensbedingungen Jugendlicher türkischer Herkunft unter dem Aspekt des Drogenkonsums in Bremen-Hemelingen. Soziologische Magisterarbeit Bremen 1999

Die Autorin möchte - u.a. auch auf dem Hintergrund ihrer Erfahrungen während eines Praktikums in einer Ausländerbehörde - „verdeutlichen, inwieweit sich die Rahmenbedingungen und die damit verbundenen Lebensbedingungen Menschen türkischer Herkunft in der Bundesrepublik gestalten, um somit einen Einblick in einen Lebensbereich zu bekommen, der Menschen deutscher Herkunft, Kultur und Staatsangehörigkeit weitestgehend ‘fremd’ ist"(S.4), indem sie nach einem gelungenem Überblick über die Gesamtproblematik einige der Jugendlichen, die sie interviewt hat, selber zu Wort kommen läßt.

Nach einem einleitenden Überblick über die der derzeitigen Situation zugrundeliegende ‘Gastarbeiter-Politik’, die 1996 mit einer ‘Gesamtzahl von 2.049.060 Ausländern türkischer Herkunft

28% aller in Deutschland lebenden MigrantInnen erfasste’, beschreibt sie zunächst deren rechtliche Situation mit ihren vielfältigen Abstufungen und Unsicherheiten: „Bei türkischen ArbeitsmigrantInnen, die größtenteils vor mehr als dreißig Jahren in die Bundesrepublik kamen, und deren Kinder in der bundesdeutschen Gesellschaft aufwachsen, steht dieser juristische Sprachgebrauch in offenem Widerspruch zur gesellschaftlichen Situation dieser Inländer ohne deutsche Staatsangehörigkeit" (24).

Die Autorin schildert sodann das Aufeinandertreffen türkischer Familienstruktur und westdeutscher Arbeitssituation in ihren Folgen sowohl für die Beziehung zwischen den Ehegatten wie vor allem auch für die Sozialisations-Situation der Kinder: „In manchen Fällen hat die Verschiebung oder besser die Umkehrung der Geschlechterrollen zu großen familiären Konflikten geführt, die sich nicht selten auf die Kinder auswirken" (31); „zwei Faktoren haben folgerichtig Einfluß auf die Sozialisation der Kinder: Einreisealter der Kleinst- oder Schulkinder, Zeitpunkt und Dauer der Trennung der Familie und die Tatsache, daß die einzelnen Familienmitglieder jeweils eigene Migrationsprozesse durchlaufen" (35). Im Wechsel von der frühen familialen Erziehung in das bundesdeutsche Schulsystem gerät das Kind in eine Art - auch sprachlich bedingten - Kulturkonflikts (42), der von den Eltern nicht aufgefangen werden kann und der sich dann auch in der Verteilung dieser Kinder im deutschen Schulsystem wie in deren beruflichen Perspektiven niederschlägt(45,47).

Die Autorin wendet sich sodann dem Zusammenhang zwischen diesen Sozialisationsbedingungen und dem Drogenkonsum zu, wobei sie die letzteren sowohl unter dem Aspekt des ‘Genußmittels’ wie aber auch unter dem der ‘Fluchtmöglichkeit’ begreifen will (55), um zu fragen „inwieweit die gesellschaftliche Diskriminierung und Ausgrenzung und damit verbunden das subjektive Empfinden Jugendlicher türkischer Herkunft den Konsum von ‘Drogen’ ‘fördert’, oder inwiefern die gesellschaftliche ‘Außenseiterrolle’ Jugendliche türkischer Herkunft in einer, ich nenne sie ‘doppelte Außenseiterrolle’ drängt" (58), zumal hier nicht nur die Bestrafung, sondern auch die Abschiebung droht.

In ihrem zweiten Hauptteil berichtet die Autorin über die Ergebnisse von fünf etwa zweieinhalbstündigen Interviews mit älteren und ihrerseits bereits verheirateten Jugendlichen der zweiten Generation, die in einem Stadtteil Bremens mit hohem türkischem Bevölkerungsanteil aufgewachsen sind. Deutlich werden dabei die im ersten Teil benannten Sozialisations-Probleme, schulische Unsicherheiten und Einbindung in die eigene vorwiegend gleichaltrige Bevölkerungsgruppe. Drogenkonsum nebst begleitender Delinquenz und Kriminalität werden in diesen Fällen zumeist mit dem beginnenden ‘Ernst des Lebens’ eingestellt, während deren Freunde keineswegs selten das Schicksal der Abschiebung erlitten.

 

In ihrem Fazit betont die Autorin einerseits die wohl auch künftig zunehmende Ethnozentrik u.a. als Reaktion auf eine sich verschärfende gesellschaftliche Realität (90f) und andererseits die unterschiedlichen Funktionen eines - auch identitätsstiftenden - Drogenkonsums, der „nicht ausschließlich mit einem sogenannten ‘Problemkonsum in der Jugendphase’ gleichzustellen ist" (92).