Diessel, Malte: Systemtheoretische Analysen aktueller Drogenpolitik. Soziologische Diplomarbeit, Bremen 1999.

 

Der Autor möchte „mit Hilfe der Systemtheorie ... die Organisationsstrukturen in der Drogenpolitik zielgerichtet analysieren ... um die Frage zu klären, ob ihre Strukturen ausschlaggebend für die verschiedenen politischen Ziele sind", wobei insbesondere die Analyse der ‘Beziehungsgeflechte zwischen den Subsystemen die Möglichkeit bietet zu klären, ob sie verändert bzw. gesteuert werden können’ (S.3). Zugleich möchte er an diesem drogenpolitischen Beispiel „ein Gefühl dafür vermitteln, welche Erklärungspotentiale systemtheoretische Modellbildungen für die Soziologie haben" sowie „die praktischen und theoretischen Schwierigkeiten aufzeigen, die mit der Verwendung systemtheoretischer Modelle einhergehen" (S.4).

Einführend stellt er nach einem kurzen historischen Überblick zunächst die „wichtigsten Begriffe und Prinzipien kybernetischer Modelle" vor (6): - Kommunikation, Steuerung, Regelung , Rückkoppelung - die er in einem Regelkreismodell nach Obermair zusammenfasst (11). Der Versuch, dieses Modell auf das politische System zu übertragen (15), führt zunächst „zum eigentlichen Thema dieser Arbeit zurück. Probleme, die bereits durch vielfältige Bemühung zu lösen versucht wurden, und dennoch weiter ungelöst bleiben, gibt es viele" (16): Politische Institutionen entwickeln gegenüber von außen gesetzten ‘Führungsgrößen’ eine Eigendynamik der bürokratischen Regelung, die solche Größen als ‘Störung’ abzuwehren suchen (17). Insgesamt erweist sich überdies, daß sich „das politische System nicht genau genug als Regelkreismodell nach streng kybernetischer Denkweise beschreiben" läßt (21), da es ‘schwierig wird, zwischen innen und außen des Systems zu unterscheiden’ (28).

Angesichts dieser - ungewollten - Tendenz zur Selbsterhaltung „bedarf es einer Stärkung des politischen Individuums in und gegenüber der politischen Institution" - insbesondere in der Form ‘mehrerer kleinerer Gruppen’ - da nur so Reflexion und Kreativität eingebracht werden können (23).

Als Beispiele für diese Art der Regelkreise wählt der Autor aus dem Bereich der Drogenpolitik zunächst das Strafrechts-System - „Die Frage ist, ob die Strategie der strafrechts-prohibitiven ‘Prävention durch Repression’ nicht nur das Strafrechtssystem aufrecht erhält, da es z.B. die Gerichte hinreichend mit Arbeit versorgt,sondern ob es auch zum Erreichen der darin definierten Ziele führt?" (25). Auch das Beispiel des allgemeinen Suchthilfesystems führt zur „entscheidenden Frage, wer wen mehr braucht, der Drogenkonsument den Therapeuten oder umgekehrt?" (28)

In einem weiteren Schritt führt der Autor - von einer allgemeinen Kritik an einer zu engen ‘Thermostat-Theorie’ ausgehend (Greven) - Konzepte einer allgemeineren Systemtheorie ein, die sowohl den engen Gegensatz von System und Umwelt differenzieren - ‘operationale Geschlossenheit’ bei ‘selbstreferentiellen Systemen’ sowie ‘strukturelle Koppelung’ verschiedener aufeinander bezogener Subsysteme. Und die auch die innere homöostatische, das Gleichgewicht wahrende Dynamik durch die Konzepte der Ultra- und Multistabilität sinnvoll ergänzen.

Auf diesem erweiterten Hintergrund unternimmt es nun der Autor, drei hierarchisch gestaffelte drogenpolitische Systeme miteinander zu vergleichen. Auf der europäischen Ebene wählt er als Beispiel den ‘2. Bericht... für eine Empfehlung des Europäischen Parlaments an den Rat....’ (s.S. 38), der in seiner Diskrepanz zwischen Empfehlungen und Begründung sehr deutlich die Abhängigkeit von einer repressiv eingestellten Bürokratie demonstriert, deren wesentliches Kennzeichen ist, daß sie von der ‘betroffenen Umwelt weithin abgekoppelt ist’: „daß eine entscheidendes System bei der funktionalen Differenzierung europäischer Drogenpolitik nicht vorkommt: das Subsystem der Drogenkonsumenten. Straßburg und Brüssel sind keine Städte, in denen sich große Drogenszenen etabliert haben.... Auf europäischer Ebene besteht keine politische Verbindung zu Drogenkonsumenten" (42).

Auf der Ebene der Bundesrepublik belegt der ‘Drogen- und Suchtbericht 1998’ der neuen Bundesregierung einen ‘Kunstgriff’ der Drogenbeauftragten, insofern es gelang, diese Funktion aus dem Innen- in das Gesundheitsministerium und damit den Schwerpunkt vom repressiven zum krankheits-orientierten Ansatz zu verlagern (43): „Aus systemtheoretischer Perspektive handelt es sich hier um eine Besonderheit. Das drogenpolitische System ist erneuert worden. Das bedeutet, daß durch Wahlen die Akteure und somit die Ziele dieses Systems ausgetauscht wurden" (45) - wobei offenbleibt, inweit dies ‘durch pragmatisches Handeln umgesetzt werden wird’ (46).

Auf kommunalpolitischer Ebene demonstrieren schließlich die ‘Leitlinien der Hilfen für drogengefährdete und -abhängige Menschen in Bremen’ von 1999 - neben vielen Allgemeinplätzen (48) - Möglichkeiten und Folgen der Beteiligung einer größeren Anzahl von Subsystemen: „Eine entsprechende Vernetzung dieser Subsysteme erhöht die Komplexität und Multistabilität des Gesamtsystems" , zumal die Leistungsempfänger Bestandteil des Systems sind und das multistabile System zur Selbstorganisation mit Synergieeffekten in der Lage ist (50f). Dabei bleibt freilich, (so der Gutachter) das bekannte Risiko, daß diese Multistabilität sich auch gegenüber ‘Führungsgrößen’ ,die als ‘Störung’ interpretiert werden, effizient auswirken kann.

In seinem Fazit versucht der Autor, drei verschiedene Sichtweisen diesen drei unterschiedlichen Systemen zuzuordnen: Das ‘Autonomie-Modell’ passt zum Bremer System: „Um eine Politik der Normalisierung umzusetzen sind viele niedrigschwellige Hilfeangebote nötig", eine Vielzahl von Subsystemen, die einen ständigen Prozess des Experimentierens ermöglichen (52). Sodann das ‘Krankheitsmodell’ des Gesundheitsministeriums, das letztlich im Rahmen eines relativ starr hierarchisch geprägten Systems nur durch einen Regierungswechsel veränderbar ist (53). Das europäische ‘Abstinenz-Modell’ schließlich verharrt als - Folge einer auf ‘Einstimmigkeit’ ausgerichteten Organisationsstruktur, die grundsätzlich veränderungsfeindlich wirkt - auf seiner überkommenen Struktur (53).

Dieser Befund wird in seiner Schlußbetrachtung durch Hinweise auf ‘Wissens- und Kommunikations-Explosionen’ ergänzt, insofern diese neue Formen der ‘Netzwerk-Management’-Organisation erfordern, für die unter den drei ausgewählten Beispielen allein das Bremer Modell eine Chance hätte, sofern „die Beteiligten aus Behörde und Amt diese Entwicklung in einem hohen Maße unterstützen" (57).