Kim, Ju-Ill: Das Krankheitsmodell und die Legalisierungsdebatte in der Drogenarbeit. Sozialpädagogische Diplomarbeit. Bremen 1997

Aus seiner Mitarbeit im Studienprojekt ‘Politik für oder gegen Randgruppen’ heraus möchte der Autor auf der empirischen Basis seiner Erfahrungen mit Drogengebrauchern in Bremer niederschwelligen Wohnprojekten die bisherige bundesrepublikanische Drogen-Politik-Diskussion aufarbeiten, „im Bestreben, meine Fragen zu klären und eine Antwort zu finden, sowie "mit dem „Wunsch, einen umfassenden Einblick in die aktuelle deutsche Drogenpolitik und die Drogenarbeit zu gewinnen" (1). Ein Vorhaben mit dem Ziel „die heutzutage vorherrschende Meinung von ‘Drogenabhängigkeit bzw. Drogengebrauch als Krankheit’ zu relativieren, die bisher vernachlässigten Eigenkompetenzen der Drogengebraucher beim Umgang mit Drogen deutlich aufzuzeigen und darauf bezugnehmend über die kulturelle Drogenkontrolle durch eine autonome Drogenkultur als Alternative zur Kriminalisierung und Pathologisierung nachzudenken" (4), das dem Autor rundum gelungen ist.

Nach einer einleitenden ‘Suche nach akzeptablen, wertneutralen Definitionen’ der Termini >Droge<, >Drogengebrauch< und >Drogenmißbrauch<, >Drogenabhängigkeit< und >Sucht< - wober er sich weitgehend auf Scheerer/Vogt, Stöver und die WHO-Definitionen stützt, geht er zunächst ausführlicher auf das ‘Krankheitsmodell’ ein, das Drogenabhängigkeit als Krankheit definieren will: Zwanghaftes Verhalten, lineare Abhängigkeitsentwicklung und substanzbezogenes Denken bestimmen diese Perspektive, die sich an der im letzten Jahrhundert entwickelten und von Jellinek propagierten Modellsucht ‘Alkohol’ orientiert und erst in neuerer Zeit auf den Opiat-Gebrauch übertragen wurde, der bis zur Jahrhunderstwende „noch nicht als ernsthafte Krankheit, sondern als der Fürsorge bedürftige schlechte Gewohnheit definiert" worden war (21).

Ein Krankheitsmodell, das 1955 von der deutschen Ärzteschaft mit der Forderung nach Abstinenztheorie und 1982 durch die ‘Therapie-statt-Strafe’-Paragraphen des Betäubungsmittel-Gesetzes auch juristisch festgeschrieben wurde (22).

Als ‘gedankliche Hintegründe’ für diese Pathologisierung verweist er mit Scheerer/Vogt auf die ‘Verweigerung der Leistungsideologie’, die entsprechende Kontrollbedürfnisse der herrschenden Klasse gegen solche ‘Außenseiter’ wecke (25f). Das auf dieser Grundlage entwickelte ‘Abstinenz-Paradigma’ (27) werde in der ‘Therapiekette’ realisiert und verlange konsequenterweise ‘Leidensdruck’ und ‘helfenden Zwang’ .


In seiner ‘Kritik am Krankheitsmodell’ verweist Kim zunächst zu recht auf dessen ‘positiven Seiten’ - kostenlose Hilfe, teilweise moralische Entstigmatisierung und Schutz vor staatlichen Übergriffen (32f) - die jedoch die näher ausgeführten negativen Folgen (S.34!) dieses Modells nicht aufwiegen könnten. Im Einzelnen werde dieses Modell durch die relative Erfolglosigkeit der Abstinenztherapie, die „keine breite Akzeptanz bei den Zielgruppen gefunden hat" (37) widerlegt, zumal ‘Leidensdruck’ und ‘Zwangs-Therapie’ keineswegs notwendigerweise Therapie-Motivation schaffen könnten.

Auch die ‘Grundannahmen des Krankheitskonzepts’ - gefährliche Eigenschaft des Heroins, Kontrollverlust, progressiver Abhängigkeitsverlauf und Unaufhebbarkeit der Drogenabhängigkeit - erweisen sich empirisch als unzutreffend (40). Dies gilt sowohl für die Substanz Heroin wie für die erst spät auch in der Bundesrepublik untersuchten Phänomene des ‘kontrollierten Gebrauchs von Heroin’ mitsamt den dort entwickelten Gebrauchs-Regeln (48f) und des selbstorganisierten Ausstiegs mitsamt den dabei relevanten Coping-Strategien (54), die jeweils an Hand der einschlägigen Forschungen näher dargestellt werden. Wenn diese Studien insgesamt auch nicht ‘repräsentativ’ seien, so könnten sie doch aufzeigen, daß selbst unter gegenwärtigen Verhältnissen der Heroingebrauch kulturell integrierbar sei (56f).

Die gegenwärtig noch dominierende pathologisierende Sicht entmündige dagegen den Drogengebraucher, grenze ihn aus dem normalen Alltag aus und blende die soziokulturellen Bedeutungen des Drogengebrauchs aus. Weshalb künftig eine effektive Drogenarbeit die Betroffenenkompetenzen, die Erlernbarkeit des kontrollierten Heroinkonsums, die Unterstützung der Selbstheilungskräfte betonen und „sich langfristig an der Normalisierung der drogenkonsumierenden Lebensbedingungen und des Drogengebrauchs selbst orientieren" müsse (62).

Hierfür böte sich als Basis eine Legalisierung von Heroin an, wobei der Autor ein Medizinalisierungsmodell und ein Genußmittelmodell unterscheiden will. Während das eine den bekannten und näher dargestellten Modellversuchen in Liverpool, in der Schweiz sowie den Anträgen von Hamburg und Frankfurt zugrundeliege, verlange das andere eine „radikale Veränderung der Drogenpolitik", die „auf die Entwicklung einer Heroinkultur und die Förderung der Autonomie der Drogengebraucher beim Umgang mit Heroin abziele" (67) - wobei Mischformen etwa nach dem Bauer/Bossong-Modell für niedrig- und hochprozentige Stoffe möglich blieben (69).

Aus der ‘Position der Betroffenen’ zeige sich nun, „daß die jetzige Medizinalisierungstendenz im Drogenhilfebereich zur Förderung und Bildung der Betroffenenkompetenz sowie einer Drogenkultur langfristig nicht geeignet" sei (77). Obwohl dieses Modell heute eine ‘höhere realpolitische Durchsetzungschance als das Genußmittelmodell habe’, so sei doch zu bedenken, daß es wegen seiner ‘selektiven Zugangsvoraussezung’, der fortdauernden Leidensdruck-These und seiner Abhängigkeit vom Arzt-Experten letztlich ‘alte Gedanken verfestige’ (79). Andererseits müssten aber auch die Risiken einer völlige Freigabe der Opiate in einer noch auszubildenden ‘gemeinen Drogenkultur’ à la Marzahn eingebunden werden, was durch Drogensozialisation im Elternhaus und Drogenerziehung anzustreben sei (83). Dadurch würde sich die ‘Drogenarbeit grundlegend verändern’, ohne daß doch Drogentherapie - auf nunmehr freiwilliger Basis - aufzugeben wäre.

Als ‘Leitlinie’ hierfür formuliert Kim abschließend die Weiterentwicklung der Therapieangebote, die Forderungen nach Legalisierung und Originalstoffverschreibung aller ‘heute auf dem Schwarzmarkt angebotenen Drogen (vor allem Kokain)’, Lernangebote für den ‘genußfördernden Drogengebrauch’ und eine aktiv aufklärende Öffentlichkeitsarbeit’ (89).