Steckel, Annegret: Frauen und Sucht. Eine kritische Bestandsaufnahme des ‘Frauen und Sucht’-Diskurses. Soziologische Diplomarbeit 1999

Die Autorin, der das „frauenspezifische, feministisch orientierte Erklärungsmodell zur Abhängigkeit von Frauen zunächst überzeugend" (1) schien, untersucht in ihrer Arbeit - nach zwei Seiten hin kritisch - die dabei führenden Hintergrundsannahmen im generellen Sucht-Konzept wie im femistischen Sucht-Diskurs.

In ihrem ersten - gender-unspezifischen - Hauptteil analysiert sie an den Beispielen des Opiatgebrauchs und der Entwicklung des Alkoholismus-Krankheits-Konzepts den Konstruktcharakter des Drogen- und Sucht-Modells. Während sich „am Beispiel des Opiums ablesen läßt, wie eine ehemals in die Alltagskultur integrierte Substanz ihre hohe Bedeutung als Heilmittel verliert, bis sie schließlich ausschließlich negativ bewertet wird" (5), belegt die Geschichte des Alkohols nicht nur, wie „die Entdeckung des Phänomens der Sucht Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts" die Auffassung, daß dessen Konsum auf „einer freien Entscheidung des Willens" beruhe, abgelöst hat (8), sondern zugleich, wie hiermit die „psychiatrische Medizin.... gleichzeitig eine Behandlungsoption impliziert" (10). „Mit diesem Suchtkonzept der WHO steht für die Betroffenen für deren von ihnen selbst bzw. von außen als problematisch definiertes Verhalten ein Erklärungsmuster zur Verfügung, womit auch eine Behandlungsanspruch legitimiert wird. Andererseits ist hierin die Errichtung gesellschaftlicher Kontrollinstanzen begründet, quasi einer Entmündigung durch Experten Vorschub geleistet" (11f).

In der Übertragung dieses Modells auf alle illegale Drogen wird in Öffentlichkeit und Drogenforschung das Konzept „Drogenkonsum sei quasi Selbstmord auf Raten" (14) verfestigt: „Eine eingeengte medizinische Sicht, die Ignorierung gesellschaftlich-kultureller Zusammenhänge sowie die Durchsetzung dieser Standards mit den Mitteln der Politik führen dazu, daß andere rituell integrierte Umgangsformen von psychoaktiven Substanzen mißachtet werden, wodurch es zur Ausgrenzung und Kriminalisierung der Konsumierenden kommt" (17).

Im zweiten Hauptteil untersucht die Autorin den erst 1980 einsetzenden Frauen-Sucht-Diskurs, der praktisch „die mangelnde Berücksichtigung der speziellen Problemlagen substanzabhängiger Frauen innerhalb der männlich dominierten Suchtkrankenhilfe" betont, und der theoretisch die ‘kontextuellen gesellschaftlichen Bedingungen weiblicher Suchtgenese’ unterstreicht (19).

Die Autorin stellt dabei zunächst drei aufeinander folgende feministische Erklärungsmodelle vor - strukturelle Abhängigkeit der Frau, Mißbrauch in der Kindheit und Entfaltung einer eigenen weiblichen Identität, um sodann näher auf die Therapie-Kritik einzugehen.

Ihre bereits in diesen Analysen jeweils angesprochene Kritik - u.a. Operbild, dichotomes Identitäts-Modell und durchtherapierte Gesellschaft (44) - wird abschließend an Hand jüngster Literatur (Helferich, Heinrich, Kreyssig, Appel, Vogt ua.) noch einmal prägnant zusammengefasst: „Frauen sollten als Subjekte betrachtet werden, die sich ihrer Umwelt gegenüber bewußt verhalten", mit der Forderung „sich der eigenen Grundhaltung bewußt zu werden, sich nämlich nicht primär als defizitär und als Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse ... zu begreifen" (51). Für den damit verbundenen ‘Perspektivwechsel’ müsse man „Abhängigkeit nicht als Entwicklungsdefizit sondern als Entwicklungspotential begreifen" (59), weswegen u.a. andere Fragestellungen zu entwickeln seien, „die sich nicht unmittelbar auf die Ursache von Abhängigkeit bei Frauen konzentrieren, sondern zum Beispiel daran orientiert sind, wie kompulsivem Drogengebrauch vorgebeugt werden kann" (60).