Fürst, Anke: Lebenswelten zwischen Genuss und Abhängigkeit: Bedürfnisorientierte Prävention für Mädchen mit psychoaktivem Substanzgebrauch in der modernen Gesellschaft

Diplomarbeit Sozialpädagogik, Bremen 2001

 

Die Autorin möchte in drei Schritten - Phänomen der Sucht, geschlechtsspezifische Ansätze und Präventionsbedürfnisse drogenkonsumierender Mädchen - u.a. mit Hilfe von 6 Interviews den bisher in Literatur und Praxis weithin vernachlässigten Bereich geschlechtsspezifischer Sekundärprävention näher untersuchen. Gegenüber den bisherigen, einseitig an den persönlichkeitsbedingten Aspekten orientierten Ansätzen möchte sie deutlicher deren soziokulturelle Einbindung hervorheben (7).

In ihrem ersten Hauptteil stellt sie zunächst dem klassischen Sucht-Diskurs die ‘positiven Bedeutungen und Funktionen des Substanzgebrauchs’ gegenüber, um sich von hier aus dann dem Phänomen und den Aufgaben einer Suchtprävention zuzuwenden. Eine kurze historische Analyse der Konzepte ‘Sucht’ und ‘Abhängigkeit’ mitsamt deren Basisannahmen des ‘Kontrollverlustes’ und der ‘Toleranzsteigerung’ erweist deren - von jeweiliger Expertise abhängigen - subjektiven Charakter ebenso, wie dies für die korrespondierenden Begriffe von Gesundheit und Krankheit zutrifft: „... daß die vermeintlich objektiven Begriffe ‘Gesundheit’ und ‘Krankheit’ sehr subjektiven Bewertungen unterliegen" (21). Dies gilt im Prinzip auch für das rezente ‘Risikofaktoren’-Modell, das u.a. sowohl ausblendet, „daß auch riskantes problematisches Verhalten im persönlichen Gesundheitskonzept ein subjektiv sinnvolles Verhalten sein kann" (17) das aber auch übersieht, daß „abstinentes Verhalten durch vermehrte Ängste und geringe soziale Integration ebenfalls ein gesundheitliches Risiko darstellen" kann (19). Die dabei führenden ‘gesellschaftlichen Bilder’ und Mythen werden durch eine dadurch bestimmte Realität nur allzuleicht bestätigt, insofern etwa „aus der konstruktivistischen Perspektive ... die Voraussetzung für einen nicht-abhängigen, kontrollierten Umgang eine Überzeugung von der Möglichkeit eines selbstbestimmten Umgangs mit psychoaktiven Substanzen" sei (26).

Die demgegenüber von der Autorin bevorzugte Perspektive der ‘DrogengebraucherIn als autonomes Wesen’ bzw. deren jeweilige ‘subjektive Einschätzung’ solle - trotz der damit verbunderen ‘Zwickmühle’ einseitig zugeschriebener Veranwortung - für die Zwecke der Beratung und Behandlung „zum Ausgangspunkt genommen werden, und nicht die scheinbar objektiv lebensweltfremde Einschätzung von Fachleuten" (32).

Dabei müsse nun auch die positive Funktion des Substanzgebrauchs unter dem ‘Genuß’-Aspekt (Lutz) beachtet werden, wenn dieser auch im Rahmen gegenwärtiger Konsumgesellschaft im Rahmen von Ritualen im Sinne einer ‘gemeinen Drogenkultur’ (Marzahn) erlernt werden müsse, weshalb es wichtig sei, „das Erlernen von Genuß und den Umgang mit psychoaktiven Substanzen als festen Bestandteil von Sozialisation im Kindes- und Jugendalter zu betrachten" (41).

Angesichts der weiten Verbreitung des Konsummittelgebrauchs im Jugendalter sei zwar im präventiven Ansatz ein ‘Paradigmenwechsel von der anfänglichen Zielsetzung der Abstinenz und Therapie >süchtiger< Personen hin zur Kompetenz-Förderung’ zu beobachten (46), doch gebe es bisher keine gesicherte Aussagen über deren Effektivität (48); auch führe dieser Ansatz letztlich „die Defizitorientierung unter einem anderen Namen fort, da den süchtigen und suchtgefährdeten Menschen ein Mangel an Kompetenz zugesprochen wird" (54f). In einer kurzen Analyse der Trias der Primär-, Sekundär- und Tertiär-Prävention unterstreicht die Autorin die Notwendigkeit, vor allem die unterentwickelte Sekundär-Prävention und zwar vornehmlich auf dem Feld der Jugendarbeit für jugendtypische Subgruppen wie etwa die der SchulschwänzerInnen voranzutreiben. Dabei gehe es darum, unter vorsichtiger Verwendung von Ansätzen des Lebenskompetenzkonzeptes im Rahmen einer konkreten ‘Lebensweltorientierung’ „die besonderen Interessen und Bedürfnisse der Heranwachsenden wahrzunehmen und als Ausgangspunkt zu nehmen, auch wenn diese nicht den Vorstellungen der Präventionskräfte entsprechen" (68), sowie die jeweiligen „Funktionen des Konsummittels zu erkennen, die positiven Eigenschaften für sich zu nutzen und einen angemessenen Umgang zu erlernen".

Unter dem Aspekt ‘geschlechtsspezifischer Prävention’ geht die Autorin in ihrem zweiten Hauptteil zunächst auf ‘das Jugendalter als Lebensphase mit besonderen Belastungen’ ein, kritisiert das Konzept der ‘Entwicklungsaufgaben’ (Helffereich/Franzkowiak) und setzt sich dann mit der Frage auseinander, wieweit heute schon das ‘gender-Konstrukt’ real so dekonstruiert sei, „daß es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede im Gebrauch, in der Funktion etc. mehr gäbe, sondern nur noch individuelle Unterschiede" (77). Da das ‘Risikoverhalten als Bewältigung jugendtypischer Anforderungen’ mitsamt der Art des Genußmittelkonsums kulturell vermittelt und somit entsprechend genderspezifisch ausfalle (Kolip), müsse eine geschlechtsspezifisch ausgerichtete Prävention diese Entwicklungsaufgaben gezielt im mädchenspezifischen Kontext berücksichtigen. Dabei seien sowohl die Art der ‘Bildung von Geschlechtsidentität’ wie auch die Verknüpfung von Sexualität und Autonomie gegenüber elterlicher Autorität, sowie Zukunfts- und Berufsausbildungs-Chancen zu beachten und spezifische weibliche Verarbeitungsmuster zu bedenken. In diesem „subjektiven Lebenszusammenhang kann auch exzessiver Substanzgebrauch einen Sinn ergeben"(89), sei dies in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper bzw. der oft mit Angst besetzten Sexualität, sei es in der Beziehung zu meist älteren Jungen, Freundinnen und genderspezifischen Leistungsanforderungen in der Gesellschaft. Als Beispiel einer noch sehr seltenen Präventionsarbeit mit drogenkonsumierenden Mädchen wird insoweit abschließend das Hamburger Projekt Kajal dargestellt, das sich „im Gegensatz zu vielen anderen Präventions- und Drogenhilfeeinrichtungen - an den Bedürfnissen des Subjekts" orientiere (100).

Im dritten Hauptteil beschreibt die Autorin sehr eindrucksvoll das Ergebnis ihrer transkribierten Tonband-Interviews mit vier 15-16 jährigen Mädchen, die erheblich mit Drogen experimentierten, und zwei jungen Frauen von 18 und 19 Jahren aus einem Methadonprojekt, in der sie selber tätig war. Nach einer Darstellung von Methode und Auswertungskriterien werden zunächst die Interviewpartnerinnen vorgestellt und sodann unter Verwendung zahlreicher Interviewauszüge deren Aussagen zu den ‘Motiven und Funktionen des Konsums (die positiven Effekte des Konsums)’, ‘Ambivalenzen und Probleme mit dem Konsum’, ‘Das Bild von Abhängigkeit und das Selbstbild’ sowie ‘Bewertung von Rat, Unterstützung und Hilfsangeboten’ und ‘Eigene Vorschläge für Beratungs und Unterstützungsangebote’ zusammengefasst.

Dabei gelingt es der Autorin in einer für den deutschen Forschungsbereich recht einmaligen Art (vgl. dazu etwa die jüngste belgische Analyse normalen Kokain-Konsums von Decorte) ihre in den ersten beiden Teilen theoretisch erarbeiteten Thesen empirisch abzusichern: Die Mädchen/Frauen berichten neben einer Fülle positiver Funktionen ‘sehr wohl auch über Ambivalenzen und negative Seiten’ (119), wobei sich ‘die Situation häufig auch erst durch äußere Einwirkungen etwa in Konflikten mit Eltern und Schule zugespitzt habe’ (121). Auch lasse sich - etwa im Verständnis von Sucht und Abhängigkeit - „eine Verinnerlichung von gesellschaftlichen Bildern über Drogenkonsum und Drogengebrauchende" beobachten (123), wobei es nicht ‘notwendiger Weise zum Kontrollverlust und Abhängigkeitserscheinungen kommen müsse’: „Wenn Probleme den Hintergrund für Drogenkonsum darstellen und zusätzlich dieser Mensch keine Unterstützung oder Möglichkeit hat, die Situation zu vrändern, dann hält Maren es für wahrscheinlich, daß der Substanzgebrauch zu einem festen Verhaltensmuster in Problemsituationen wird" (125). Besonders betont wird die Tatsache der autonomen Entscheidung - und zwar nicht nur, „daß sie sich der möglichen negativen Folgen durchaus bewußt sind und sich aus freiem Willen für den Substanzgebrauch entscheiden" (126) - sondern auch darin, „daß aufgezwungene Ratschläge und Hilfe sie nicht erreicht, weil sie kein eigenes Interesse daran" haben, solange „sie selbst ihren Konsum nicht als problematisch bewerten ... und der Ansicht sind, daß sie noch über genügend Kontrollfähigkeit über ihren Substanzgebrauch verfügen" (128). Während zumeist die Eltern (doch keineswegs immer), häufig auch die Drogenberatung und insbesondere psychiatrische Behandlungsversuche dem Konsum gegenüber mit Unverstand, Druck und ohne Chance zur Freiwilligkeit reagieren, betonen die Interviewten als hilfreich das Gespräch mit ‘Personen ihres Vertrauens’, die „an der gesamten Person ein Interesse zeigt und nicht nur an ihren Problemen" (137f).

Abschließend betont die Autorin in ihrem Resumée u.a., daß die Interviewten „keine Problembeschreibung und Bewertung durch Andere in bezug auf ihren Substanzgebrauch" wünschen und „keine Entmündigung durch Vater, Mutter, TherapeutInnen, FreundInnen etc."wollen (145); daß jedoch „die Möglichkeit des Zugangs zu sachgemäßen Informationen ... innerhalb des sekundrpräventiven Angebots" bestehen sollte, wobei insbesonder „mehr Angebote und Beratungsstellen für Eltern und PädagogInnen zu entwickeln" seien (146).

(Stephan Quensel)