Wiebke Lessin: Drogenhandel. Lebenswelten von Drogendealern zwischen
Subkultur und Repression

Die Autorin, die neben ihrem Studium am Aufbau eines >Vereins für akzeptanzorientierte Drogenarbeit und psychedelische Krisenintervention, Eclipse e.V.< beteiligt war (S.5f), versteht ihre Arbeit als „Versuch, die spezifischen Bedingungen, die auf Dealer wirken, zu verstehen" (5), indem sie „die Lebenswelten von Dealern in einem Spannungsfeld von Subkultur und Repression" darstellt: „Es wäre schön, wenn sie (die Arbeit) gleichzeitig als Diskussionsgrundlage dazu dienen könnte, wie selbstorganisierte Partydrogenprojekte wie z.B. Eclipse mit Dealern umgehen". (6)

Sie gliedert ihre Arbeit in vier große Abschnitte, in denen sie zunächst die relevanten Konzepte sowie die Entwicklung der Drogenpolitik nachzeichnet, um sodann über den Stand der >Dealerforschung< zu berichten und die eigenen Interviews mit vier Dealern zu präsentieren.

Bei der Darstellung der relevanten Konzepte geht sie informativ und prägnant - in ausgezeichneter Kenntnis einschlägiger Literatur – zunächst auf die >Drogendefinition< und sodann auf deren Markt- und Waren-Charakter ein: „Die sprachliche Verwendung des Wortes Drogendealer sowohl für Händler im illegalisierten als auch im legalisierten Bereich ... hätte den Vorteil, dass die willkürliche Trennung von Drogen bewusst gemacht würde. Mein Anliegen ist es jedoch aufzuzeigen, unter welchen Bedingungen der Handel von illegalisierten Drogen stattfindet" (12). Überlegungen zum Konzept der >Subkultur<, der >Drogenmündigkeit< und insbesondere der unterschiedlich offen gestalteten >Drogenszenen< schließen sich an. Das Modell der >Drogensucht< wird in Anlehnung an feministische Überlegungen zur „Sucht als Überlebensstrategie" (17)relativiert und im geläufigen Bild der Christiane F. zunächst als interessengebundenes Konstrukt gedeutet: „Für die professionellen Helferinnen entstand durch Anerkennung von `Sucht als Krankheit` ein erweiterter Markt" (20)und sodann als notwendiges Korrelat des Dealers- als `nützlicher Feind` (Christie/Bruun) - begriffen: „Als geschlossenes Modell sind der Süchtige und der Dealer untrennbar verbunden, beide sind polar aufeinander angewiesen" (22).

Die Darstellung der Entwicklung der Drogenkontrolle bietet zunächst eine gelungene Übersicht über deren internationale Dimension – insbesondere über die drei Konventionen sowie deren zugeordnete Institutionen, um sodann auf die >Instrumente der nationalen Drogenkontrolle< näher einzugehen: BtmG, OrgKG und Nationaler Rauschgiftbekämpfungsplan. Die polizeiliche Ebene wird zunächst `ideell` in ihren sucht- und wirtschaftstheoretischen Basiskonzepten beschrieben: „Aus diesen beiden Annahmen suchttheoretischer und wirtschaftstheoretischer Art lässt sich eine mythische Übermacht des Angebots konstruieren, das seit jeher als Legitimation für polizeiliche Aufrüstung herhalten muss" (40)und sodann kurz am Beispiel vor allem Bremens –Durchquerungsverbot, Brechmittelvergabe – näher erläutert.

Die Darstellung des aktuellen Forschungsstandes behandelt angesichts des Fehlens einschlägiger deutscher Forschung (von einer noch unveröffentlichten Arbeit von Bettina Paul abgesehen – S. 44)in einer sehr informativen Übersicht die dafür einschlägigen englischsprachigen Beispiele von Bourgois und Williams, die ältere Arbeit von Goldberg, die Untersuchungen von Dorn, Rainarman und Adler mit dem Fazit: „Trotz gegenteiliger Ergebnisse aller hier aufgeführten Studien wird in der Betrachtung des Themas weiterhin von organisierter Kriminalität ausgegangen" (52).

Im Vorlauf ihrer Interviewergebnisse mit drei Männern und einer Frau, für die „der Verkauf von illegalisierten Drogen über eine Zeit von mindestens sechs Monaten als Haupteinnahmequelle diente" (58), geht die Autorin zunächst auf das >Menschenbild der humanistischen Psychologie< (Rogers, G.H. Mead) ein, um den eigenständigen Wert der Aussagen ihrer Interviewpartner zu begründen: „Ihre persönlichen Vorstellungen über sich und die Welt werden als subjektive Theorien verstanden (vgl. Schlee 1996,149)" (55).Dementsprechend ermögliche das „offene Interview ... die Erfassung von Ansichten und Meinungen der Interviewten, und ist somit geeignet, die Symbolwelten von Individuen widerzuspiegeln" (57). Die Darstellung der transkribierten und von den Interviewpartnern gegengelesenen vier Interviews erfolgt weithin – leitfaden-orientiert – in wörtlichem Zitat, „um die jeweilige Personen für sich selbst sprechen zu lassen... Dabei bekommen hier Menschen ein Forum, die sonst doch eher im `kollektiven Unbewussten` ihrer kriminellen Tätigkeit nachgehen" (60).

In den Interviews, die insgesamt sehr unterschiedliche Aspekte dieses >Dealens< beleuchten können, kommt zunächst der 26-jährige Cannabis-Dealer Jan zu Wort, für den die „Tätigkeit im Drogenhandel vor allem erst einmal eine gute Einnahmequelle darstellt. Er legte sich einen hohen Lebensstandard zu und erfüllte sich den Traum eines jeden Spießbürgers" (82). Der 34-jährige Partydrogen-Verkäufer Julian - `Koks war zu stressig`(66), für den der Handel mit Drogen „innerhalb seiner Lebensbezüge eine Position" verschafft, „ die er auf legalem Wege nicht erreichen könnte. Ohne Schulabschluß und mit diversen Vorstrafen sieht er für sich auf dem legalen Weg kaum eine Chance, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben" (83), rechtfertigt sich: „Weißt du, wenn ich hinterm Tresen arbeite, oder bei ner Brauerei vorbeifahre, dann frage ich mich wirklich, wer hier der Dealer ist"; „Ich würde niemanden eine Pille verkaufen, die ich nicht selber angetestet habe", so habe ich „sicherlich mehr Einfluss darauf, als ein Spruch auf ´ner Zigarettenpackung ... oder ein Auszug aus dem Jugendschutzgesetz in einer Kneipe" (68). Für den 29-jährigen Manni, der sich weitgehend vom (Cannabis-)>Dealen< zurückgezogen hat („Du kannst nicht immer stoned durch die Gegen laufen. Wird auch langweilig" 78), „hatte die Tätigkeit im Drogenhandel primär die Funktion, sich gegen seine Eltern und deren Weltfremdheit abzugrenzen", als „Umsetzung eines oppositionellen Lifestyles, mit dem er sich von der Scheinwelt abgrenzen konnte, „nämlich so, dass einfach die Welt oder das, was mir meine Eltern an Moral und Wertevorstellungen beigebracht haben, einfach nicht existent war. Ich konnte meine Realität mit dem, was ich mitbekommen habe, überhaupt nicht in Verbindung setzen. Also zwei völlig verschiedene Welten, die eben aufeinander prallten und letztendlich ich mir die Welt so modelliert hab´, wie es mir passte" (75f). Für die 34-jährige Sarah schließlich, die in ihrem Freundeskreis Kokain und Haschisch verkauft, „ist die Entscheidung, Drogen zu verkaufen, sozusagen aus der Not geboren. Dealen ist für sie eine Überlebensstrategie als alleinerziehende Mutter. So hat sie einen Weg gefunden, sich und ihrem Kind bestimmte Ding einfach leisten zu können, die ihr ansonsten verwehrt wären. Sie distanziert sich klar von dem Lifestyle, den viele Männer in dem Geschäft an den Tag legen und ist sehr darauf bedacht, bestimmte Vorsichtsmaßnahmen zu berücksichtigen" (83): „Weißte nur von Sozikohle leben ist mit Kind echt nicht geil, da musst du dann wirklich irgendwann Hundefutter essen" (70); „ich glaube, son bisschen verrucht sein hab ich echt gebraucht neben der ganzen Mamaschiene" (71); „als Frau hatte ich auch nie irgendwelche Größenwahnanfälle, die den meisten Männern in dem Geschäft schnell mal zum Verhängnis werden" (72).

In ihrem kurzen Fazit hält die Autorin zu recht fest: „Das Handeln dieser Personen lediglich monokausal auf die Tätigkeit in der illegalen Ökonomie zu beschränken, übersieht vor allem, dass es sich hier um MenschenanHan

handelt, für die ihr jeweiliges Handeln im direkten Bezug zu ihrem sonstigen Leben steht. Dieser Bezugsrahmen wird jedoch im hegemonialen Diskurs ausgeblendet ... Jedoch ist es nur in der Anerkennung des Menschseins von Dealern überhaupt erst möglich, ihr Agitationsfeld und die daran gebundenen Handlungsweisen zu verstehen und sie in ihrer spezifischen Sinnhaftigkeit zu entschlüsseln. Das wäre die Grundvoraussetzung, um Dealer in bestehende Konzepte zur Vermittlung von Drogenmündigkeit einzubeziehen" (83f).

Stephan Quensel, Januar 2002