Busch, Uta: Drogen, Gender, Inszenierung. Zur Repräsentation von Gebraucherinnen illegaler Drogen im Film der Neunziger Jahre.

Die Autorin möchte auf der Basis sorgfältig ausgewählter Theorie mit Hilfe von drei rezenten Filmen der Frage nachgehen „wie die Inszenierungen von Drogenbildern und Weiblichkeitsbildern aufeinandertreffen und welche Darstellungsweisen sich daraus im Hinblick auf Gebraucherinnen illegaler Drogen im Film ergeben" (S.4), wobei sie vorrangig „auf die Situationen und Bedingungen bei der Aufnahme und Fortführung des Gebrauchs, die Konsummuster und Konsumregeln sowie die subjektiven Bedeutungen und Funktionen, die dem Drogenkonsum gegeben werden" achten will (5).

In ihrem ersten Hauptteil geht sie zunächst auf den Diskussions- und Forschungsstand über Gebraucherinnen illegaler Drogen ein. Nachdem zunächst die >Sucht<-Perspektive dominierte, entwickelten u.a. Zurhold, Heinrich und Jacob in den 90er Jahren ein komplexeres Bild, das mit Hilfe qualitativer Methodik etwa die Bedeutung des sozialen Setting, die Rolle drogenspezifischer Regulierungsmechanismen, die Vielfalt möglicher Drogenverläufe in ihrer unterschiedlichen Einbettung auch in konventionelle Lebensbereiche betonten. Drogen können hiernach ganz unterschiedlichen >subjektiven< Drogentheorien folgen (16), in unterschiedlichen Drogenwelten verankert sein (19) und – im Rahmen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung legal, reglementiert auf dem Wege der Prostitution oder illegal finanziert werden, wobei Drogengebraucherinnen zwar weniger als die männlichen Drogengebraucher, doch tendenziell in letzter Zeit „zunehmend wegen weniger schwerer und wiederholter Delikte kriminalisiert werden (33). Insgesamt zeige sich, „dass vor allem bei Opiat- und Kokainkonsumentinnen die Aufnahme und Entwicklung des Gebrauchsverhaltens eng mit dem Drogenkonsum des Partners verknüpft ist", wobei Erfahrungen physischer und sexueller Gewalt in der Kindheit häufig seien, während „Konsumentinnen von Cannabis und Partydrogen mehrheitlich positive Bedeutungszuweisungen bzgl. des eigenen Drogengebrauchs" äußerten (34). „Die vielfach formulierten eindimensionalen Bedeutungszuweisungen in Bezug auf einen spezifisch weiblichen Drogengebrauch und dessen Herleitung aus gesellschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen" hätte sich als widerlegt erwiesen (35)

Die filmische Darstellung von GebraucherInnen illegaler Drogen setzte bereits früh ein; mit Beginn der Drogen-Kriminalisierung z.Z. des 1. Weltkrieges entstanden in den USA „zahlreiche mit rassistischen Stereotypen durchsetzte Filme, die Chinesen als skrupellose Opiumhöhlenbetreiber zeigen" (38); in den 20er Jahren setzte eine rigorose Zensur ein, die in den 30ern durch Exploitation-Filme, die mit gesellschaftlich tabuisierten Themen „auf profitable Weise die Ängste, Voyerismen und die Sensationslust des Publikums bedienten" (39) entsprechend genutzt wurde. Bis in die 50er Jahre dominierte in den USA das moralische Diktat, das dort erstmalig mit dem Film THE MAN WITH THE GOLDEN ARM (1955) in einer noch ambivalenten Weise durchbrochen wurde. LSD- und Heroin-Filme folgten und gegen Ende der 70er rücken vermehrt Drogenbiographie in den Mittelpunkt (43). Wenn auch zunehmend freier mit Drogenthemen – insbesondere im Cannabisbereich – umgegangen werde, so bliebe doch „festzuhalten, dass die Akteure des Drogenhandels, die Dealer, nach wie vor mit rassistischen und anderen Stereotypen belegt werden" (45).

Hinsichtlich der Inszenierung von Geschlecht betont die Autorin die Rolle der Medien bei der Konstruktion und Normierung der Geschlechterdifferenz (Gildemeister/Wetterer, Kolip) (47), die allerdings bisher hinsichtlich der Rolle von Drogengebraucherinnen im Medium Film noch nicht näher untersucht worden sei (48). Anfänglich sei die drogengebrauchende Frau im Film „vor allem unter dem Aspekt des moralischen Verfalls gesehen" worden (49), wobei es sowohl um eine moralische Disziplinierung der Frau wie aber auch um deren Sexualisierung und Pornographisierung gegangen sei (50); doch seien auch heute „drogengebrauchende Frauen gegenüber drogenkonsumierenden Männern im Film stark unterrepräsentiert" (52).

In ihrer qualitativ vergleichenden Analyse der drei ausgewählten Filme bietet sie nach einer kurzen Inhaltsbeschreibung zunächst Hinweise zum „Zusammenhang zwischen den filmischen Mitteln und der Darstellungsweise von DrogengebraucherInnen" (55), um sich sodann bezogen auf die inhaltliche Problematik des Films ihrem eigentlichen, oben zitierten Anliegen zuzuwenden. Bei der Auswahl greift die Autorin auf (erstaunlich wenig einschlägige) Filme der 90er Jahre zurück, sofern sie auf Video erhältlich waren (56).

Als ersten Film analysiert sie sodann den 1995 in Großbritannien nach einem sehr szenenahen Roman gedrehten Film TRAINSPOTTING . Während für die männlichen Darsteller das Junkiesein als Lebensstil in sehr unterschiedlicher Weise thematisiert würde, blieben die Frauenfiguren eher dem traditionellen Cliche verhaftet: „Aus der Handlung und den Dialogen geht hervor, dass die Einbindung der Frauen in den Zusammenhang primär aufgrund ihrer Funktion als Sexualpartnerin erfolgt". Insgesamt werden „in Trainspotting differenzierte Aussagen über Drogen, Drogenkonsumierende und ihren Lebensstil gemacht ... Sowohl positive als auch negative und widersprüchliche Aspekte eines Lebens mit Heroin (und anderen Substanzen) werden thematisiert, wobei die negativen Gesichtspunkte überwiegend auf die Bedingungen der Illegalität der konsumierten Substanzen, wie etwa den Beschaffungsdruck, zurückgeführt werden" (75). Die GebraucherInnen werden als handelnde Subjekte dargestellt; dieser „insgesamt relativ entmythisierenden Darstellung von illegalen Drogen steht eine defizitäre und in Ansätzen stereotype filmische Repräsentation von drogengebrauchenden Frauen gegenüber" (76).

Im zweiten Film WASTED! , 1996 in den Niederlanden gedreht, dominiert die Ecstasy-Szene mit dem Grundmotiv des „Sich Zudröhnens" (go wasted). Während die filmischen Mittel optisch und akustisch versuchten die Innenwahrnehmung der Drogenwirkungen nachzuvollziehen (82f), bliebe insgesamt doch „die Darstellung des Drogengebrauchs bei allen Charakteren sehr der Oberfläche verhaftet, so dass über individuelle Konsumerwartungen und das Erleben der Drogenwirkung nichts bekannt wird" (92). Obwohl die Protagonistin als aktive Dealerin sachgerecht behandelt werde und auch „der Gebrauch illegaler Drogen als weit verbreiteter und integraler Bestandteil der Ausgehkultur dargestellt und somit eine Gleichsetzung mit legalen freizeitorientierten Drogengebrauchskulturen vollzogen" werde, gerate „die Darstellung des Party-Settings und des Drogenkonsums der ProtagonistInnen... gegenüber einer unkritischen Schilderung von patriarchalen Gewaltverhältnissen, stereotypen Männlichkeitsidealen und einer voyeuristisch- pornographischen Inszenierung von Sexualität in den Hintergrund" (96).

Der dritte, 1998 in den USA gedreht Film HIGH ART von Cholodenko aus dem Milieu der subkulturellen New Yorker Kunstszene beruht in seiner Spannung zwischen privater intimer künstlerischer Arbeit und deren kommerziellen Vereinnahmung auf einem realen Hintergrund (100). Die atmosphärisch dichte Darstellung einer sehr privaten Heroin-Drogengebrauchskultur mit dominierender Rolle der beteiligten Frauen belege unterschiedliche Drogeninteressen und –Verläufe: Es wird „eine Vielfalt von Konsummotivationen und Funktionen aufgezeigt, wobei nicht Konfliktkonstellationen im Vordergrund stehen, sondern Individual- und Sozialmotive wie Neugierde, Genuß und Gemeinschaftsleben", wobei „die drei Protagonistinnen ... sich in ihren Drogengebrauchsmustern, ihrem Lebenskontext und ihren personellen und sozialen Ressourcen wesentlich voneinander" unterscheiden (113,111). Herausragend sei „das Fehlen v on Mythen und Stereotypen, sowohl im Hinblick auf Drogen, als auch auf drogengebrauchende Frauen" (112).

Insgesamt sei bei allen drei Filmen auffällig, dass „der Aspekt der Kriminalität generell einen sehr geringen Stellenwert einnimmt", dass das private Setting dominiere und der Kontakt zum Drogenhilfesystem eher abgelehnt werde; doch würden im Hinblick auf die Konsumentinnen noch immer eine Reihe von Stereotypien reproduziert, von der Rabenmuter bis hin zum schicksalhaften Tod: „Abschließend muß festgestellt werden, dass Frauen in allen drei Filmbeispielen, selbst wenn sie personelle , soziale und materielle Ressourcen besitzen und keiner Kriminalisierung ausgesetzt sind, noch immer nicht langfristig und genussvoll illegale Drogen konsumieren können, ohne dass ihr Verhalten auf die eine oder andere Art sanktioniert wird" (116)

Stephan Quensel