Böttcher, Maike: Mädchen und Medikamente - eine Pilotstudie zum Medikamentengebrauch adoleszenter Mädchen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Konstruktion von Gesundheit und Weiblichkeit

 

Die Autorin möchte in ihrer Arbeit die ‘Erwartungen, Hoffnungen und Tatsachen’ hinsichtlich ‘der akzeptiertesten’, doch bisher am wenigsten erforschten Gruppe von Drogen-Substanzen unter der Fragestellung "was die Einnahme von Medikamenten mit Gesundheit zu tun hat, bzw. welche Auffassung von Gesundheit wohl vorherrscht, wenn Medikamente eine so bedeutende Rolle spielen" unter konstruktivistischer Perspektive u.a. mit Hilfe von 5 qualitativen Interviews mit Mädchen/jungen Frauen näher untersuchen (S.3f): "Es soll geschaut werden, ob die theoretisch vermuteten Konsummotivationen in diesen Fällen eine Rolle spielen oder sich ganz andere Möglichkeiten herausschälen" (5).

In ihrem theoretischen Teil geht sie zunächst auf die ‘gesellschaftliche Konstruktion von Gesundheit und Krankheit’ ein, behandelt sodann die wichtigsten Informationen zum Arzneimittelkonsum, um schließlich Fragen der ‘Frauen- und Jugendgesundheitsforschung’ anzusprechen. Unter Bezugnahme auf die Gesundheits-Definition der WHO unterstreicht sie dabei die ‘Leistungsfähigkeit und körperliche Unversehrtheit als Charakteristika des westlichen Gesundheitsverständnisses’ in dessen ‘Mittelpunkt das Funktionieren im Alltag’ stehe (6f): Dieser "Prozeß der ‘Entschmerzlichung’ der (westlichen ) Gesellschaften, der über die letzten Jahrhunderte bis in die heutige Zeit zu beobachten ist, scheint nunmehrig einen Höhepunkt erreicht zu haben" (8f). Unter Hinweis auf Illichs ‘Iatrogenesis’, innerhalb dessen ‘die Verantwortung für Psyche und Soma an SpezialistInnen unterschiedlichster Couleur delegiert wird (Ärzte/Ärztinnen, BeraterInnen, TherapeutInnen, etc.)’ (11) betont sie aber auch die ‘ins Unermeßliche gesteigerte Heilserwartung der PatientInnen: ‘Dieser Glaube an ein besseres und längeres Leben ist es, der Arzt/Ärztin und PatientInnen verbindet’ (12); wobei die Art der jeweils dominierenden ‘Krankheit’, der ‘ambivalent zu bewertende Wandel des Krankheitsverständnisses’ seinerseits, immer auch als Folge ‘kollektiver oder individueller Reaktionen auf die gesellschaftlichen Strukturen, in denen sich Menschen befinden und verändern’, zu verstehen sei (13).

Dies gilt auch für die Art des Substanz/Medikamentenkonsums, die bei uns heute in Drogen, Genußmittel und Arzneimittel aufgespalten wird. Ein allgemeiner, zahlengespickter Überblick über den derzeitigen Medikamentenkonsum bestätigt, daß "die ‘Heiligsprechung’ bestimmter Substanzen genau so gut" funktioniert "wie die Verteufelung im Bereich der illegalen Drogen" (19). Dies gilt auch, wie einschlägiger Forschung zu entnehmen sei, für Jugendliche und insbesondere für Mädchen, die mehr Medikamente konsumieren als Jungen. Die Jugend- und Frauengesundheitsforschung zeige, "daß die im Jugendalter entwickelten Umgangsmethoden in Bezug auf Gesundheit, Körper und Wohlbefinden meist die Weichen für ein entsprechendes Verhalten im Erwachsenenalter stellen" (22). Dabei gelte, so ‘klischeehaft dies klingt’ , für Frauen noch immer die These der ‘Nachinnenverlagerung von Konflikten’ bzw. das am ‘gesunden Mann’ orientierte Stereotyp der hiervon abweichenden, unvollkommenen Gesundheit der Frau (23): "Dieses mangelnde Vertrauen in die weibliche Lebenskompetenz wird von Frauen oft übernommen und mit aufrecht erhalten bzw. es existiert bereits ein Selbstbild, das auf die beschriebene Weise geprägt ist und sich dem ‘ExpertInnenbild’ angleicht" (24). Diese fortschreitende ‘Medikalisierung weiblicher Körperprozesse’ sei sowohl Folge weiblicher Sozialisation wie häufig doppelbelastender Arbeitsbedingungen mit ihrer von der Frau akzeptierten Forderung nach ‘Beziehungsarbeit über die Erwerbs- und Hausarbeit hinaus’ (28).

In der weiblichen Sozialisation spiele das mütterliche Lebens- und Gesundheitskonzept für die Entwicklung der Töchter eine zentrale Rolle (29), die in einer - heute ohnehin als ‘Projektionsfläche für gesellschaftliche Normgefährdung und diffuse Ängste’ näher zu charakterisierenden (30) - Jugendphase als besonderes gefährdet, verletzbar und sexualisiert erfahren werde. Während Jungen ‘Herausforderung und Schmerz suchen, um sie durchzuhalten, wird bei Mädchen Menstruation mit Peinlichkeit assoziiert’ (33); Mädchen dürfen wehleidiger sein, sind häufiger mit ihrem Körper unzufrieden, finden sich unattraktiver und haben ein geringeres körperbezogenen Selbstwertgefühl (35).

In ihrem empirischen Teil berichtet die Autorin zunächst über ihr Vorgehen und die große Schwierigkeit, einschlägige Interviewpartnerinnen zu finden: unter den fünf Befragten konnte nur ein - freilich besonders interessantes - Interview (trotz vielfältiger Aushänge) auf Eigeninitiative des Mädchens erfolgen (40). Ein Überblick (S.41) ergibt eine Altersspanne von 14 bis 22 Jahren bei den Mädchen aus Gymnasium und Hauptschule, deren Eltern zumeist beide berufstätig waren. Die mit Tonband erhobenen, transskribierten Leitfaden-Interviews werden zunächst mit ausführlichen Zitaten für jedes einzelne Mädchen und sodann themengebündelt ausgewertet. Wie häufig bei gelungenen qualitativen Interviews ergeben sich dabei - zum Teil bewußt angesteuert - erhebliche Unterschiede: von der ‘braven Gymnasiastin’ über eine therapieerfahrene Gesamtschülerin, die im Rahmen von Eßstörung und erheblichem Schmerzmittelkonsum "ihren Körper benutzte, um mit psychischem Streß zurecht zu kommen" (72) bis hin zur 22-jährigen Studentin, die in ihrer Jugendzeit erhebliche Mengen an Psychopharmaka nahm. Im Vergleich der Interviews ergab sich, daß die ‘Probandinnen zumeist Gesundheit in Verbindung mit körperlicher Beschwerde- und Schmerzfreiheit’ verstanden, wenn auch zumindest ein Mädchen physische Beschwerden auf psychische Probleme zurückführte. Bei zwei dieser Mädchen lagen deutlich belastende Situationen aus der Vergangenheit vor (79), während für die anderen Krankheit etwas war, " das einen eben von Zeit zu Zeit erwischt" (80); Menstruationsschmerzen dominierten; Konsumabsicht war zumeist das Lindern von Schmerz und Unbehagen; ÄrztInnen wurde fast vorbehaltlos vertraut, zumal die Mütter selber sehr arztgläubig sind. Schulische Probleme traten ebenso wie Familienprobleme bei vier der Befragten in den Hintergrund; der Einfluß der Freundinnen blieb gering: "Das liegt in meinen Augen daran, daß der Konsum in einem bestimmten Rahmen als absolut normal und selbstverständlich gilt und darum auch kein großes Wort darüber verloren wird" (83). Insgesamt wird "die Möglichkeit, durch Medikamente ein Stück von ‘Normalität’ aufrecht zu erhalten" durch die Interviews bestätigt, während die These von I. Vogt, daß der Konsum von Schmerzmitteln bei Menstruationsschmerzen allgemein die Hemmschwelle gegenüber Medikamenten senke, ebenso wenig eindeutig belegt werden konnte, wie die These, "daß das besondere Verhältnis, das zwischen Müttern und Töchtern vorherrscht, ausschlaggebend für das Konsumverhalten der Mädchen" sei (85). Stabile Familienverhältnisse wirkten sich positiv auf das töchterliche Gesundheitsverhalten aus: bei ‘gesundem Selbstwertgefühl’ wirkten diese Mädchen stärker angepasst und ohne Rebellionsverhalten, was sich auch in deren Schulverhalten wiederspiegele: "Schulunlust ist zwar zeitweise vorhanden, wird aber nicht protesthaft geäußert". Ein Fazit, das die Autorin abschließend im ‘Nachwort’ mit zwei bemerkenswerten Akzenten ergänzt: Die Schwierigkeit, Interviewpartnerinnen zu finden, zeige "wie sehr das Thema tabuisiert wird, obwohl die Medikamente zu den legalen Drogen gehören. Zeitweise hatte ich den Eindruck, es wäre einfacher, Mädchen für ein Gespräch zu gewinnen, die illegale Drogen konsumieren". Auffällig sei auch, daß diejenigen Mädchen, die allgemein dem Medikamentenkonsum gegenüber eher vorsichtig eingestellt waren, bei Beschwerden zu "einem besonders unreflektierten Konsum" neigten " der die Beschäftigung mit Nebenwirkungen vernachlässigt und sichtbar macht, daß in diesem Fall die Verantwortung für die eigene Gesundheit delegiert wird" (86f)