Cannabis, Straßenverkehr und junge Leute.

Ein Dispositiv im Generationskonflikt.

Stephan Quensel (13.07.01 23:42)

 

Die seit dem 1.1.1999 geltende Fahrerlaubnisverordnung (FeV) gibt der Fahrerlaubnisbehörde schon bei Verdacht auf Cannabis-Konsum die Möglichkeit, ein Fachgutachten oder eine Medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) anzuordnen, auch wenn keinerlei Zusammenhang zwischen Konsum und Teilnahme am Straßenverkehr besteht. Diese weit über die Vorschrift des § 24a StVG (befristetes Fahrverbot bei Nachweis von THC im Blut) hinausreichende Maßnahme könnte künftig verstärkt die zumeist jungen Cannabis-Konsumenten vom Straßenverkehr ausschließen, insbesondere dann, wenn etwa bei Führerscheinbewerbern entsprechend freiwillige Haarproben verlangt würden.

Dies scheint durchaus plausibel. Wissen wir doch alle, daß Drogen und insbesondere Cannabis als Halluzinogen das Verhalten im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigen können, und daß bei Personen, die solche illegale Drogen konsumieren, Charaktermängel bis hin zur ‘Ich-Schwäche’ vorliegen, die vor allem bei noch unfertigen jungen Leuten sich dann auch im Straßenverkehr auswirken werden.

Wie kann es nur zu einem derartig unsinnigen Wissen kommen? Ist es Produkt bewußter Fehl-Information, interessengelenkte Ideologie oder nur Trägheit eigenen Denkens? Und wie kann man solche Vorstellungen auflösen, wissenschaftliche Befunde ‘drogenpolitisch’ wirksam werden lassen, in die vorhandenen Gedankengefängnisse eindringen? Fragen, die weit über das Cannabis-Problem, ja über die Drogenpolitik hinausreichen; Fragen, die uns von Betroffenen gestellt werden, die das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, von Wissen und Macht berühren, und bei denen es dann letztlich um die Möglichkeit und Chance eigenständiger Existenz gehen kann: Nicht nur als ‘freie Fahrt für freie Bürger’, sondern für das Überleben als selbstverantwortlich entscheidender Bürger in einer Welt höchst realer ‘erfundener Wirklichkeiten’, Mythen und machterhaltender Konstruktionen.

Um diesen Fragen näher zu kommen, will ich zunächst kurz auf einige Befunde aus einer jüngst durchgeführten repräsentativen Erhebung in Bremen eingehen, dann mit dem Konzept des >Dispositivs< etwas gründlicher die Widerständigkeit unseres alltäglichen Denksystems analysieren, um abschließend mit ein paar Graphiken das Verhältnis zwischen jung und alt anzusprechen.

1. Cannabis im Straßenverkehr

Vergleicht man die durch legale und illegale Drogen verursachten Verkehrsrisiken miteinander, fällt bei denjenigen, die in Bremen einen Führerschein besaßen (N = 2.244 = 74,6% der Befragten im Alter von 16 bis 70 Jahren),viererlei auf:

1.1 Im Straßenverkehr begegnet man sehr viel häufiger Personen, die mit einer der beiden legalen Drogen Alkohol ("mehr als drei Glas Alkohol") oder Medikamente ("bei denen auf dem Beipackzettel vor einer Teilnahme am Straßenverkehr gewarnt wird") den Verkehr gefährden, als solchen mit einer der beiden illegalisierten Drogen Cannabis ("Haschisch oder Marihuana") oder Ecstasy (Tab. 1):

Tabelle 1: Verkehrsgefährdung durch Medikamente, Alkohol, Cannabis und Ecstasy (Prozente von N = 2.242 bei >legal< und N = 2.233 bei >illegal<)

 

Medikament

Alkohol

Cannabis

Ecstasy

Alkohol + Medikament

Alkohol mit Cannabis

legal

illegal

letzte 12 M.

5.3

5.9

0.8

0.1

1.5

0.5

10,1

0.9

Life-time

15.7

22.2

2.9

0.5

3.8

1.4

30.1

3.2

Gefragt wurde: "In letzter Zeit wird sehr viel über Gefährdungen durch bestimmte Mittel im Straßenverkehr gesprochen. Auf diesen Kärtchen haben wir unterschiedliche Situationen beschrieben. Bitte sagen Sie zu jeder, ob das bei ihnen in den letzten 12 Monaten vorgekommen ist, oder ob es vorgekommen ist, aber länger als 12 Monate zurückliegt oder ob das noch nie vorgekommen ist. >life-time<: Inclusive letzte 12 Monate. >legal< : Medikamente oder/und Alkohol, jedoch ohne illegale Droge; >illegal< : Cannabis oder/und Ecstasy oder Cannabis mit Alkohol.

Dabei wirkt die Kombination von Alkohol mit Medikamenten bzw. mit Cannabis besonders

brisant. Das Verhältnis zwischen riskantem legalen und riskantem illegalen Drogenkonsum im Straßenverkehr beträgt hiernach recht genau 10:1 (30.1 : 3.2 bei der life-time Frage und 10.1 zu 0.9 in den letzten 12 Monaten).

1.2 Analysiert man die Altersverteilung, entsprechen die ganz jungen Verkehrsteilnehmer im Alter von 16 bis 19 Jahren der Erwartung: Sie wiesen bei den legalen Drogen, insbesondere bei Alkohol eine deutlich höhere 12-Monats-Prävalenz auf, d.h. sie waren in diesem Zeitraum häufiger ‘angetrunken’ unterwegs, und sie fuhren häufiger ‘unter dem Einfluß’ illegaler Drogen als die anderen Altersgruppen. Gleichwohl erreichte im illegalen Bereich selbst diese jüngste Gruppe weder insgesamt (life-time) noch in den letzten 12 Monaten auch nur annähernd die Werte der älteren Gruppen bei den legalen Drogen:

Tabelle 2: Altersverteilung bei drogenbedingter Verkehrsgefährdung (Prozente)

 

16-19 J.

20-29 J.

30-39 J.

40-49 J.

50-59 J.

60-70 J.

Insgesamt

legal lifetime

28.6

29.9

31.1

30.5

34.2

23.6

30.1

legal 12 M.

20.4

11.0

12.1

8.6

11.3

4.9

10.1

illegal lifetime

16.3

5.7

4.6

2.1

1.0

0.3

3.2

illegal 12 M.

8.2

1.4

0.5

0.9

0.7

--

0.9

Vgl. Tabelle 1

1.3 Das latente Risiko, unter Drogeneinfluß am Straßenverkehr teilzunehmen, realisiert sich, freilich selten, im ‚drogenbedingten‘ Unfall, den wir in der folgenden Tabelle im Schweregrad durch den (zumeist nicht erfragten) ‘Beinaheunfall’, der häufig nur durch gelungene Reaktion der anderen Beteiligten vermieden wird, ‘Blechschaden’, ‘Totalschaden’ und ‘Personenschaden’ unterschieden haben:

Tabelle 3: Unfälle im Zusammenhang mit Alkohol und mit Cannabis (absolute Zahlen)

 

kein Unfall

Beinaheunfall

Blechschaden

Total-

Personen-

Total- und Person-

mit Alkohol

2.127

61

31

6

9

10

mit Cannabis

2.209

27

2

1

4

1

Gefragt wurde: "Haben Sie selbst als Fahrer(in) eines PKW, eines Kraftrades oder eines anderen motorisierten Verkehrsmittels schon einmal im Straßenverkehr im Zusammenhang mit Alkohol (bzw.: >mit Haschisch oder Marihuana<) einen Unfall oder zumindest einen Beinaheunfall gehabt?" mit den Kategorien >ja, Unfall<, >ja Beinaheunfall< (Mehrfachantwort möglich) und >nein, keinen Unfall< sowie den beiden weiteren Zusatzfragen >Gab es bei diesem Unfall einen Blech- oder einen Totalschaden< und >Und gab es dabei auch einen Personenschaden?<.

Bei den insgesamt seltenen ‚drogenbedingten‘ Unfällen sind Unfälle im Zusammenhang mit Cannabis im Verhältnis zu alkoholbedingten Unfällen mit 1:3,3 zwar relativ häufig, doch fallen sie eher geringfügiger aus: Sieht man von den ‘Beinaheunfällen’ ab, bleiben bei Cannabis 8 Unfälle, das sind 0,4% aller Befragten, während es bei Alkohol 2,5% (N = 56) waren.

Der Vergleich aller drogenbedingten Unfallhäufigkeiten (unter Einfluß von Alkohol und/oder Cannabis) bei denjenigen, die angeben, mit "mehr als drei Glas Alkohol" gefahren zu sein, mit Verkehrsteilnehmern unter Einfluß von Cannabis oder mit jenen, die "Alkohol zusammen mit Haschisch oder Marihuana" genommen hatten, belegt (in Tabelle 4), daß das Schwergewicht der Unfälle beim ‘Alkohol’ liegt, der etwa bei den 26 schwereren Unfällen mit Total- oder/und Personenschaden für 12 Unfälle verantwortlich war (= 46,2%), während Cannabis nur 3,8% , die an sich sehr seltene, doch recht riskante Kombination von Alkohol und Cannabis dagegen 15,4% dieser schwereren Unfälle verursachte und der verbleibende Rest von 34,6% ebenfalls im Zusammenhang mit Alkohol (wenn auch nicht mit ‘mindestens 3 Glas’) stand:

Tabelle 4: ‚Drogenbedingte` Unfallhäufigkeit und -schwere bei Alkohol und Cannabis

 

Beinaheunfall

mit Blechschaden

mit Total/Personenschaden

Anzahl = 100 %

75

32

26

mit ‘leichtem’Alkohol

41.3

40.6

34.6

mit mindest 3 Glas Alkohol

46.7

56.3

46.2

mit Cannabis

2.7

3.1

3.8

mit Alkohol und Cannabis

9.3

--

15.4

 

1.4 Vergleicht man abschließend unter diesem Aspekt der ‘realisierten Verkehrs-Gefahr’ die Altersgruppen, dann verzeichnen die so ‘belasteten’ 49 Jugendlichen von 16- bis 19 Jahren (s.o. Tabelle 2) neben einem ‘Beinaheunfall’ keine einschlägigen Unfälle, während die 20-39-Jährigen (N = 978) in 3,1% Alkohol- oder/und Cannabis-bedingte realeUnfälle (N =30) aufwiesen und die 1.217 Älteren von 40 bis 70 Jahren mit 2,3% (N = 28) ebenfalls entsprechend auffällig waren. Zwar kann dieser Befund angesichts der unterschiedlichen Gruppengrößen die Jugendlichen nicht völlig freisprechen, doch hätte eine jugend-drogen-spezifisch höhere Unfall-Belastung entsprechend deutlich mehr als 3 Prozent – also bei N = 49 deutlich mehr als zwei reale Unfälle – erwarten lassen..

Zusammengefasst besagen diese Befunde – tendentiell – daß wir trotz erhöht drogenriskanten Fahrens vor allem der Jüngeren weiterhin eher mit Alkohol- und Medikamenten-bedingten, schwereren Unfällen der Älteren als mit Cannabis-bedingten Unfällen der ‚Jugend‘ rechnen müssen

2. Zum Cannabis-Dispositiv

Wie also ist unser in andere Richtung weisender ‚Common-sense‘ beschaffen, wie funktioniert unser Alltagswissen und welche Faktoren sorgen dafür, daß es stabil erhalten bleibt, immun gegenüber (nahezu) allen Versuchen, es zu verändern?

Zunächst gilt ganz allgemein, daß wir alle uns ständig in einer Welt von emotional gefüllten Bildern bewegen, strukturiert durch Stereotype, Vor-Urteile, vorgefasste wertende Begriffe und Konstruktionen, die wir als so >natürlich< erleben, daß uns alternative Vorstellungen gar nicht erst in den Sinn kommen, ja daß wir solche Alternativen gar nicht denken können. Das ist durchaus sinnvoll und überlebensnotwendig in einer an sich chaotischen Welt, in der wir uns nur über solche Konstruktionen wechselseitig verständigen können. Ein Netz von Konstruktionen, das als >Kultur< uns erst die Möglichkeit bietet, mit unserer so armselig ausgestatteten >Natur< zu recht zu kommen; eine >Sprache<, die es uns erlaubt in gemeinsamer Unternehmung unsere Umwelt nahezu beliebig zu gestalten bzw. auszubeuten.

2.1 Wir sichern diesen existenznotwendigen common-sense mit einem mehrfach gestuften Verteidigungsring: Auf der Ebene unserer Wahrnehmung bedienen wir uns zunächst gleichsam eines dreifachen Filters, mit dem wir primär stets nur solche >Fakten< wahrnehmen, die in unseren Wahrnehmungsrahmen hineinpassen, die ihn bestätigen und legitimieren. Neutrale Fakten werden entsprechend zurechtgebogen; Widersprechendes dagegen entweder gar nicht erst gesucht, oder aber übersehen, als Ausnahme entschuldigt, als abstruses Beispiel zitiert oder als abweichend verfolgt und ausgemerzt: Die Art, wie wir mit den Botschaften der Medien umgehen bzw. wie diese sich unserer Erwartungen bedienen, mag hierfür als Beleg dienen.

2.2 Mit dieser unserer dreifach selektiv auswählenden Brille nehmen wir nicht nur diese Wirklichkeit in einer je vorgeprägten Weise wahr, sondern diese Wahrnehmung leitet nun auch unser praktisches Handeln: Wenn ich annehme, daß Cannabis-Konsum ansteckend wirkt, verbiete ich meiner Tochter neben ihrer Haschisch-rauchenden Freundin zu sitzen und sorge dafür, daß diese von der Schule entfernt wird. Wenn ich ihr den Führerschein versage, liegt es nahe, daß sie wegen ‘Fahrens ohne Führerschein’ auffällt. Was dann meine Prognose legitimiert und die Diagnose des schlechten Charakters bestätigt. In einer Welt, die wesentlich (und für uns notwendig) aus Konstruktionen besteht, sind unsere Handlungen und die daran orientierten Reaktionen, mit denen wir unsere Umwelt wie uns selbst gestalten, stets durch solche Wahrnehmungsmuster geleitet - der Schulverweis oder die negative MPU wie die darauf aufbauenden persönlichen Identitäten des ‘braven Mädchens’ oder der ‘Vorbestraften’. Wir produzieren damit eine Welt, die zu unserer Wahrnehmung >passt<, und bewerten diese Welt wiederum als Beleg dafür, daß unsere Wahrnehmung richtig war und weiterhin Gültigkeit besitzt.

Diese produzierte Welt besteht zu wesentlichen Teilen aus unserer Sprache. In ihr sedimentieren wir unsere Wahrnehmung als ‘Rauschgift’, ’Giftstoff’ oder ‘Genußmittel’, als ‘Abhängigkeit’, ‘Sucht’ und ‘Mißbrauch’, als ‘krankhafte Persönlichkeitsveränderung’und ‘Deprivation der gesamten Persönlichkeit’. Eine Sprache, die scheinbar selbstverständliche, natürlich-wesenhafte Gegebenheiten meint; in der jedermann weiß, was das ist : >Abhängigkeit< oder >krankhafte Persönlicheitsveränderung<, wenn man es auch so genau nicht beschreiben kann (weshalb man es dann dem MPU-Experten überläßt). Und in der wiederum, fast unbemerkt, bestimmte emotionale Grundstimmungen - >Gift<, >Genuß< - ebenso wie entsprechende Bewertungen (>Mißbrauch<) , Perspektiven (>krankhaft<) und implizit die dazu gängigen Handlungsanweisungen (>Abhängigkeit< muß man in je bestimmter Weise behandeln) mit vermittelt werden.

Diese Sprache verdeutlicht zugleich, wie wir alle durch unser ganz alltägliches Handeln wechselseitig diese Konstruktionen, diese uns beherrschenden Gedankengefängnisse aufrechterhalten: Ohne viel nachzudenken verwenden wir diese Konzepte, gelegentlich vielleicht in Anführungsstrichen als sog. ‘Abhängigkeit’ oder in der Auseinandersetzung etwa in der Behauptung "Es gibt eigentlich gar keine Abhängigkeit". Wir perpetuieren damit diese Sprachwelt mitsamt ihren alltäglichen Handlungsanweisungen. Man braucht also gar keine großartigen Handlungen, Gebote, Verbote, große Theorien oder Werbekampagnen (à la "keine Macht den Drogen") um dieses Alltagsverständnis am Leben zu erhalten, und zwar auf sprachlicher Ebene ebenso wie in unserem sonstigen alltäglichen Handeln - sei es daß wir interessiert den Erzählungen aus Amsterdam lauschen, sei es, daß wir besorgt unsere Söhne vor den Schulhof-Dealern warnen.

2.3 Dieser common-sense, der sich so alltäglich selber bestätigt, ist nun nicht nur ganz allgemein abstrakt - gleichsam als anthropologische Wesensbestimmung - für unser Überleben notwendig, sondern auch konkret inhaltlich auf unsere Interessen zugeschnitten. Wir handeln - in einem je konkret historischen Rahmen - fast immer besten Gewissens, überzeugt von der Richtigkeit unseres Blicks und zumeist im Einklang mit unseren Interessen, ohne daß wir dies besonders betonen oder häufig, ohne es zu bemerken: Dies gilt für die Mutter, die ihre heranwachsenden Kinder vor diesem Kraut warnt, für den Therapeuten, der Cannabis-Abhängige therapiert ebenso wie für denjenigen, der um der Verkehrssicherheit willen den Führerschein entzieht. Stets findet man sich nicht nur im Einklang mit den eigenen Aufgaben, der eigenen (Berufs-)Identität, mit dem, was von einem erwartet wird, sondern zugleich auch im so unproblematisch sicheren Hafen des gemeinsamen common-sense mitsamt seiner Sprache. Dabei schadet es nicht, wenn dies zugleich auch dem direkt eigenen Interesse dient, dem schlechten Gewissen der (ungenügend?) erziehenden Eltern, der Wahrung des eigenen Renommés als Experte oder gar der finanziellen Existenzsicherung eines ganzen Berufsstandes - wenn man etwa lange darüber diskutiert, wie man die Zahl der >Drogentoten< definiert und wie man sie im Diskurs einsetzen soll, wenn man in der Polizeistatistik das Etikett des ‘Erstkonsumenten’ durch das des ‘polizeilich Erstauffälligen’ ersetzen muß, wenn man das erforscht, wofür man erfolgreich Mittel einwerben kann, oder wenn man die Fahrerlaubnisverordnung ändert, um der vom Bundesverfassungsgericht befürworteten Aufweichung des Cannabis-Verbots zu begegnen.

2.4 Dieser common-sense wurzelt in unserer direkten Erfahrung im Umgang mit der durch diesen common-sense mitproduzierten Realität - eben dem ‘amotivierten’ Schüler, dem Studenten, der sich für ‘abhängig’ hält und deshalb seine Diplomarbeit nicht schreiben kann oder dem Verkehrssünder, der sein Versagen auf den sagenhaften ‘flash-back’, "für den er nun wirklich nichts kann", zurückführt; auf dieser Realität, die man - stets selektiv auswählend - vielleicht selber erlebt hat, oder die man, häufiger, von einem guten Bekannten - und sei das auch nur der vertraute Spiegel oder die Bild-Zeitung - erfahren hat. Derselbe common-sense kann sich aber nun auch - gleichsam eine Autoritätsebene höher - auf die Experten berufen. Auf die Talk-shows und Features in den Medien, auf die Aussagen der Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten, auf die Presseerklärungen des Bundeskriminalamtes, die Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, auf die Gesetzgebungs-Diskussion (etwa zum §24 a StVG), auf Urteile der unterschiedlichsten Instanzen - vom Amtsgericht über die Oberverwaltungsgerichte bis hin zum Bundesverfassungsgericht und, last but not least, auf die jeweils damit verbundene Wissenschaft - von der Medizin über den Epidemiologen bis hin zum juristischen Kommentar. In diesem >Ring der Experten< gewinnt jeder Teilnehmer seine Glaubwürdigkeit nicht nur kraft seiner akademisch höheren Weihen, sondern >von der Sache her<, also aus der jeweiligen Methode, die >wertfrei< und >objektiv< der Wahrheit verpflichtet ist. Für die Medien gilt das Prinzip der Objektivität, bzw. das Gebot, verläßliche Quellen zu nutzen; der Medizin-Apparat soll lege artis vorgehen, die Kriminal-Justiz rechtstaatlich und revisionsfest urteilen und die Wissenschaft soll methodisch sauber, möglichst quantifizierbar und signifikant abgesichert die Daten erheben und interpretieren. Prinzipien, die Glaubwürdigkeit verleihen und an die man auch gerne so lange glaubt, wie deren jeweiligen Ergebnisse in den common-sense hineinpassen.

Wieder stoßen wir dabei auf einen konservierenden Verteidigungsring, der den oben besprochenen Wahrnehmungs-Realitäts-Kreislauf gleich zweifach ergänzt. Und zwar einmal vertikal dadurch, daß alle diese Experten nicht nur dem common-sense die beglaubigte Legitimation der Richtigkeit ihrer Denkschablonen liefern, sondern zugleich auch – umgekehrt - dadurch, daß sie stets ihr leitendes Basis-Wissen eben diesem common-sense entnehmen: als Mitglieder dieses common-sense, für die etwa die Schadenswirkung des Cannabis von vorneherein feststeht, aber auch im Gefolge vorselektierter Auswahl ihrer Klientel und Forschungsobjekte (etwa in psychiatrischen Kliniken oder bei ‘Obergutachtern’). Dasselbe gilt, noch weitaus verdeckter, wenn man im Vertrauen auf den vorgefundenen ‚Forschungsstand‘ an dessen vorderster Front geradlinig weiterforscht, oder wenn man hierfür scheinbar objektive Instrumente einsetzt, die von anderen Forschern in entsprechender common-sense-Manier entwickelt wurden (wenn etwa im Fragebogen nur nach Negativem gefragt wird oder wenn diese bei Gefängnis-Insassen geeicht wurden...).

Ein Verteidigungsring, der sodann noch einmal horizontal im >Reigen der Experten< seine Krönung findet: Die Justiz beruft den Gutachter, der Gutachter lebt vom Gerichtsfall und seinen entsprechenden therapeutischen Erfahrungen; der Gesetzgeber verwertet die passenden Anhörungsergebnisse, das Verfassungsgericht beruft sich auf einander widersprechende Wissenschaftler, der Kriminologe nutzt die Kriminalstatistiken und Gefängnis-Insassen; die Medien verlassen sich auf Pressegespräche und die Politik zitiert deren Publikationen.

Ein komplexes Netz ineinander verschachtelter, aufeinander bezogener Aussagen und Aktionen, die jeweils einzeln argumentativ leicht widerlegbar sind, gegen die man >Berufung< einlegen kann, die methodisch kritisierbar sind und die gelegentlich allzu offensichtlich der eigenen privaten Erfahrung widersprechen; als Geflecht aufeinander bezogener Aktionen jedoch geraten sie zum nahezu undurchdringlichen Dschungel, in dem jedem widerlegten Argument unzählige Bestätigungs-Schösslinge nachwachsen. Weil es eben nicht um solch einzelne Argumente, ‘Ausnahmen’, ‘irregeleitete’ Experten oder Irregularitäten geht, sondern um das gemeinsam selbstverständliche Basis-Wissen von der Schädlichkeit der Droge. Ein >multistabiles System<, das, ungeachtet partieller Verluste, sich und die in ihm eingelagerten unterschiedlichsten Interessen selber erhält.

2.5 Drei grundlegende Merkmale charakterisieren dieses System: Seine Eigenschaft als >Dispositiv<, seine Funktion als >hegemoniales Wahrnehmungsmuster< und seine Rolle als >Spielball<.

Das Netz besteht nicht nur aus kulturellen Mustern, Ideen, Argumentationsfiguren, die zusammen gleichsam den verbalen >Diskurs< stellen, wie wir ihn mit Artikeln, Büchern, Vorträgen, Reden, Geschichten und Bildern, Ermahnungen und Lobpreisungen miteinander führen. Es wird auch nicht allein durch die davon geleiteten und den Diskurs fortzeugenden alltäglichen Handlungen auf der common-sense-Ebene wie auf derjenigen der damit eng verkoppelten Expertenebene aufrechterhalten. Das entscheidende Rückgrat erhält es durch die auf den Diskurs zugeschnittene Apparatur, durch die >Einrichtungen< der Drogenberatung, der Drogenabteilung der Polizei, des Drogenbeauftragten, der klinischen Entzugsabteilung, der für Drogenfragen zuständigen Gutachterstelle, den einschlägigen Forschungs-Instituten, des Drogentest-Handels, der Drogen-Institute, der Europäischen Beobachtungsstelle in Lissabon (EMCDDA) und ihrer nationalen Ableger, der Europol, der Narcotic Commission usw. Ein wiederum untereinander eng personell, finanziell, kommunikativ verflochtenes Gewebe, das zwar ohne den Drogen-Diskurs inhaltsleer wäre, das aber unabhängig vom jeweils historisch konkreten Diskursinhalt und weithin auch unabhängig vom jeweils in ihm arbeitenden, jedoch austauschbaren Personal, diesem Diskurs Rückhalt, Dauer, Ressourcen (z.B. Forschungsmittel) und, last not least, umgrenzten Raum, in dem der Diskurs sich entfalten kann und darf (vom ‘Verherrlichungs’-Verbot bis hin zur informellen Zensur), Zeitperspektiven (Fristen, Konferenzen) und einschlägig arbeitendes Personal zur Verfügung stellt. Diskurs und Apparat bilden zusammen das >Dispositiv<, in dem der eine ohne den anderen nicht überleben kann, in dem "Wissen und Macht" zusammenschießen.

Dieses Dispositiv verwaltet das >hegemoniale Wissen<, das >kulturelle Kapital<, also die Deutungs-Muster, innerhalb deren wir 'Drogen', ‘Cannabis’ denken, wahrnehmen, diskutieren können und dürfen und das denen, die so denken, den Vorsprung des ‘richtig-Denkens’ verleiht, das sie dann - ‘kulturelles Kapital’ - im Alltag wie auf Expertenebene in entsprechend klingende Münze übersetzen können. Ein Dispositiv, dessen Teilnehmer in derselben Funktion und jeweils mit bester Intention zum Wohle unseres Seelenheils handeln wollen, so, wie ehedem die Inquisition, doch nunmehr demokratisch, weithin ohne feste Zielvorstellung und Verschwörungsmechanismen. Ein hegemoniales Denksystem, das nicht nur ‘kulturelles Kapital’ liefern kann, sondern das auf diese Weise Macht verleiht, Herrschaft legitimiert. Eine Macht, die weithin und nur im Ausnahmefall zur Gewalt greifen muß (etwa im Rahmen des Kriminaljustiz-Systems), da und solange sie sich auf den breiten Konsens eines in diesem Dispositiv freiwillig verfangenen common-sense verlassen kann. Eines common-sense, der etwa willig nach dem Therapeuten ruft, wenn die Cannabis-Abhängigkeit überhand zu nehmen scheint, der wachsende kriminalpolizeiliche Drogenzahlen zum Anlass für Lauschangriff und Geldwäsche wählt, und der die Verhinderung künftiger Verkehrsgefährdung durch frühzeitigen Eingriff in den Führerschein begrüßt.

Ein kulturelles Dispositiv, das, voll entfaltet und bewährt, dann auch anderen Zwecken dienen kann: An den Rändern ausgebeult von neuen Interessenten - etwa der wachsenden Präventions-Industrie oder derjenigen, die jetzt ihre Haaranalysen im Internet besorgten Eltern anbieten; oder durch eine leichte Verschiebung des ursprünglichen Brennpunktes, wie wir dies etwa bei der Auflösung der ursprünglichen repressiven Straf-Reaktion zunächst zur therapeutischen ‘Therapie-statt-Strafe’, dann zur sozialpädagogischen Prävention und jetzt zur verwaltungsrechtlichen Führerschein-Maßnahme erleben, ohne daß dabei die je ursprünglicheren Intentionen und Einrichtungen verloren gingen. Und schließlich läßt sich dieses Dispositiv insgesamt auch in benachbarte Felder hin verschieben: so entwickelte sich der >Sucht<-Gedanke zunächst beim Alkohol, übernahm dann die hier erarbeiteten Muster für das Feld der illegalisierten Drogen, weitete dies auf alle möglichen ‘neuartige’ Drogen aus (Ecstasy und seine Derivate), erfand dann die stofflosen ‘Süchte’, um jüngst auch den Nikotin-Diskurs vom schädlichen Raucherbein hin zur Nikotin-Süchtigkeit zu entfalten. Ein Prozess, in dem dieses Dispositiv zum bereitliegenden >Spielball< gerät, der den Grundlinien des common-sense (Schlechtes folgt aus Schlechtem; Suchtpersönlichkeit; Verführung und Kontrollverlust u.a.m) entlang ins Rollen gerät, teils von Interessenten vorangetrieben, teils dem eigenen >autopoietischen< Gewicht folgend.

2.6 Das Schicksal derjenigen, die sich diesem Dispositiv, diesem hegemonialen Denksystem entziehen wollen, ist vierfach gefährdet. Zunächst folgen sie als >Abweichler< weithin den Erwartungen, den Rollen, den Karrieren, die ihnen bereits im Dispositiv vorgegeben sind - als Hanswurst, Feigenblatt, Haschisch-Professor, Cannabis-Abhängiger, Junkie. Dies geschieht zum größten Teil, weil sie selber als Mitglied dieses common-sense eben diese Rollen - ganz unreflektiert - wählen, wenn sie auszubrechen versuchen; zum kleineren Teil wird man ihnen dabei mit entsprechender Expertise helfen, beratend, behandelnd, strafend oder eben mit Hilfe einschränkender Vewaltungsakte. Als derartige Abweichler bestätigen sie das jeweils geltende Dispositiv - eine Funktion für den Außenseiter in der talk-show, als Warnung für die braven Mitschüler, als Beleg für die Notwendigkeit, uns vor solchem Übel zu schützen, als Nachweis für die Effizienz der Therapie bzw. für die Größe des Übels beim Nicht-mehr-Therapierbaren und als Bestätigung der Wahrheit der eigenen Theorie. Vor allem aber gilt, daß jeder, der sich diesem Dispositiv entgegenstellt, nicht nur als ungläubiger Ketzer gilt (der "wohl selber Rauschgift nimmt") sondern, wie jeder Ketzer, zumeist im gleichen Glaubens-System argumentiert. Sei es, weil er im tieferliegenden Denksystem (der jeweiligen ‘Religion’) verstrickt bleibt - wenn er etwa zu belegen versucht, daß Cannabis ja gar nicht schädlich sei, daß es weniger als Alkohol den Verkehr gefährde etc.; sei es, weil er sich im kritischen Bestreben, den Diskurs zu verändern, auf eben diejenige ‘Sprache’ einlassen muß, die innerhalb des Diskursfeldes gilt, um dort verstanden zu werden: Man redet dann von >Drogen< versus >Alkohol< , diskutiert das Phänomen der >Abhängigkeit< und läßt sich darauf ein, auch für Cannabis >Promillegrenzen< festzulegen, statt auf das zentrale Moment solchen Konsums, den Genuß, Geschmack und den damit verbunden Spaß bzw. auf dessen >gemeine Kultur< einzugehen und entsprechende Party-Regeln zu entwickeln bzw. abzustützen.

 

3. Funktioniert das Dispositiv?

Ein vielfach abgesichertes, multistabiles System, das sich im Laufe des letzten Jahrhunderts entfaltet hat und in den letzten 30 Jahren ‘erwachsen’ wurde. Und doch stellen wir erstaunt und betroffen fest, "daß die Drogenkonsumenten immer jünger werden", daß der Cannabis-Konsum sich ‘weltweit’ vervielfacht hat und daß immer neue Drogen - Ecstasy, Smart-drugs, Pilze - die Herzen unserer Jugend erobern. Gelingt es also doch, in das hegemoniale Gedankengefängnis einzudringen? Zwei Überlegungen zur Rolle von ‘Wissen und Macht’ mögen uns hierfür einen vorläufigen Hinweis bieten:

3.1 Auf einer eher allgemeinen Ebene können wir festhalten, daß solche ‘Dispositive’ in all ihrer Multistabilität in zumindest dreifacher Weise instabil sind: Sie wurzeln tief im common-sense und damit gleichsam in dessen ‘Mutterboden’, den jeweiligen historisch kulturellen Grundüberzeugungen (die ihrerseits keineswegs beliebig, sondern sozioökonomisch verankert und bedingt sind). Solche Überzeugungen sind etwa unser ‘modernes’ calvinistisches Arbeitsethos und staatsnahes Autoritätsverständnis, unsere Grundmoral wie die klassisch patriarchale Rollenverteilung u.a.m. Gerät dieser Boden ins Schwanken - wie etwa im Rahmen ‘postmoderner’ Freizeitethik oder partizipatorischer Gleichheitspostulate - werden die darauf aufbauenden Dispositive davon nicht unberührt bleiben. Vereinfacht gesagt: es liegt dann nahe, daß im Zuge allgemeiner Konsumfreudigkeit nicht nur die Mode-Industrie die Jugendlichen entdeckt, sondern daß diese auch selber ihre neuen Freiheiten zu genießen beginnen. Und daß diese Jugendlichen gegenüber den Erwachsenen ebenso wie Mädchen und Frauen gegenüber ihren männlichen Konkurrenten sich eben diejenigen Freiheiten herausnehmen, die diese schon etwas länger beanspruchten: im Rauchen etwa oder beim Probierkonsum vielversprechender ‘Luxus-Drogen’.

Hinzukommt sodann, daß auch innerhalb solcher multistabilen Systeme sich Teilbereiche relativ verselbständigt entwickeln können - im Negativen etwa bei der Ausweitung repressiver Kontrollen, im ‘Positiven’ dagegen in Love-Paraden und Raves, und, höchst ambivalent zu bewerten, in der darauf aufbauenden und diese Teilentwicklung weiter vorantreibende Entfaltung eines Marktes, der uns eben nicht nur Drogenerkennungs-Kits, sondern auch die dazu passenden legalen und illegalisierten Drogen liefert. Dies liegt umso näher, wenn diese Teilbereiche ihrerseits nicht >kultur-fremd< sind, sondern allenfalls leichte Variationen typischer Kulturmuster darstellen, wenn sie bisher verdeckte, unterschwellige Werte unterstreichen, neue Akzente setzen, die eine Droge gegen eine andere austauschen: Vom Ausnahme-Fasching über unsere Bewunderung des Highlife der High Society bis hin zum rauchenden Vater, der seinen Sohn vor dem Cannabis warnt.

Nehmen wir hinzu, daß auch diese Teilbereiche ihre >organischen Intellektuellen< besitzen, von Huxley über die Fülle der Kokainlieder, -Filme, -stories und -Berühmtheiten bis hin zu einigen abstrus ungläubigen Wissenschaftlern und dem Bundesverfassungsgericht, dann kann Bewegung in das Dispositiv hineingeraten. Oder besser, dann zeigt sich, daß dessen scheinbare Stabilität stets schon Produkt einer durchlaufenden Dynamik einander kreuzender Interessen, Strategien und mehr oder weniger ‘perverser Koalitionen’ war, für die uns etwa das verdrehte Verhältnis zwischen einer Polizei, die Cannabis nur nach dem ‘Stolperprinzip’ verfolgt, Therapeuten, die eine zunehmende Nachfrage von Cannabis-‘Abhängigen’ konstatieren und Verkehrsexperten die vor allem hier die künftigen Verkehrsgefahren wittern, als Beispiel dienen mag.

3.2 Ein strategisches Spiel im Dispositiv, das wohl geeignet ist, noch einmal den dahinterliegenden Macht-Konflikt auszublenden: Es geht dabei nicht nur darum, wie oben ausgeführt, daß solche hegemonialen Denksysteme weithin die direkte Machtausübung (etwa durch das Kriminaljustizsystem) erübrigen können, sondern stets auch darum, die Funktion solcher Dispositive, die Richtung, in die ihre Speerspitzen zeigen, zu verdecken. Man kann hierüber, wie wir Soziologen dies gerne tun, vielfach spekulieren. Voraussetzung ist jedenfalls, daß man solche Dispositive nicht nur nach ihrem ‘offiziellen’ Zweck, nach ihren wohlwollenden Zielen, nach ihrer das ‘Allgemeininteresse’ vertretenden Ideologie befragt, sondern daß man auch überlegt, wem dieses so gut abgesicherte System dient, wer davon geschützt wird und wer da gemaßregelt, stigmatisiert und klein gehalten, unterdrückt werden soll. Zwei Fragerichtungen, die einander keineswegs wechselseitig ausschließen, weil häufig guter Zweck und eigenes Interesse in eins gehen werden, und die natürlich viel zu vereinfacht gestellt werden, bedenken wir die oben angedeutete Komplexität solcher Funktions- und Interessen-Strukturen.

3.3 Untersucht man dementsprechend inhaltlich die generelle Richtung dieses Drogen-Diskurses etwa am Beispiel des jüngsten ‘Sucht- und Drogenberichts 2000’ der rot-grünen Bundesregierung, fällt auf, daß er - in ganz anderer Weise als etwa der traditionelle Alkoholismus-Diskurs - vornehmlich Jugendliche im Auge hat. Dies gilt nicht nur für die Klage, daß diese "immer jünger" werden, ein Topos, mit dem nahezu alle Kassandrarufe eingeleitet werden. Es gilt auch für die relativ erwachsene Droge des Ecstasy, das ja vornehmlich von den 20-30-Jährigen, also den sogenannten Postadoleszenten genommen wird, und selbst noch für das Heroin, obwohl wir hier demnächst Altersheime für Junkies einrichten müssen. Auch der Alkohol wird verstärkt unter dem Etikett des Jugendalkoholismus diskutiert - wie etwa auf der jüngsten WHO-Konferenz ‘Jugend und Alkohol’ vom 19. -21.2.2001 in Stockholm - und im heftiger werdenden Nikotin-Diskurs wird neben dem Krankheits-Paradigma zunehmend auf den frühen Beginn der Nikotin-Sucht-Karriere verwiesen. Lediglich das Kokain scheint hier noch eine Ausnahme zu machen, obwohl die Zeichen auch hier auf die Polytoxikomanie der Party-Besucher wie der Junkies hinweisen. Diese Münze ‘später Jugend’ führt argumentativ etwa dazu, die den beiden bundesweiten Erhebungen gemeinsamen, besonders stark belasteten Jahrgänge der 18-25-Jährigen (bei der BzgA von 12-25 Jahren und beim IFT von 18-59 Jahre) gleich doppelt einmal bei den Jugendlichen und dann noch einmal bei den Erwachsenen zu zählen. Deutlicher noch zeigt sich diese Sorge um die Jugend im ätiologischen Ansatz, der die Ursachen in mißratener Sozialisation vermutet, wie im eng damit verschwisterten Präventionsansatz, der erfolgreich bis hinein in den Kindergarten vordringen konnte.

Nimmt man das zuvor Gesagte ernst, dann könnte man versucht sein, in dieser Sorge um die Jugend zugleich auch eine Sorge vor der Jugend zu vermuten. Ausdruck eines möglicherweise zunehmenden Generations-Konfliktes - den es immer schon gab, der jedoch jetzt angesichts wachsender Selbständigkeit sogar jüngerer Jugendlicher (nicht nur auf dem Konsum-Markt), nund um sich greifender ‘Gewalt in der Schule’ sogar gegen Lehrer (!) einerseits sowie ausufernder Verlängerung der Lebenszeit bei gleichzeitig befürchteter Renten-Unwilligkeit derjenigen, die deren Lasten zu tragen haben, andererseits nicht allzu ferne liegt. Könnte es da nicht sinnvoll sein, im sicheren Vertrauen auf die Richtigkeit des eigenen hegemonialen Denksystems die geballte Macht des Drogen-Dispositivs zur Aufrechterhaltung des eigenen Status einzusetzen, wie seinerzeit die Waffe des Kriminalitäts-Dispositivs gegenüber den ehemaligen ‘dangerous classes’ - und sei es auch nur mit dem drohenden Führerscheinentzug, der ja vor allem die Cannabis-Konsumenten angeht, also die Jüngeren, und nicht die ‘eigene Klasse’.

3.4 Vier Graphiken aus zwei Umfragen in der Stadt Bremen mögen dieses Szenario abschließend verdeutlichen:

Die erste Graphik belegt zunächst, daß der Konsum von Cannabis im wesentlichen ein Phänomen der jüngeren Jugendlichen ist. Er setzt in unserer SchülerInnen-Umfrage mit insgesamt 22,6% bei den 15-Jährigen ein, wobei die Jungen mit 27,2% die Mädchen mit 18,7% noch ausstechen können. Auf dem gegenwärtigen Höhepunkt des Konsums bei den 16-19-Jährigen ziehen Mädchen (36,1%) mit den Jungen (36,8%) nahezu gleich. Fragt man bei diesen beiden Altersgruppen zusätzlich, ob sie denn bereit wären, einen angebotenen Joint zu rauchen, erreichen die 15-Jährigen mit einer Gesamt-Bereitschaft (tatsächlich konsumiert plus ggf. konsumbereit) von 37% gleichsam das Niveau der nächsten Altersgruppe, die ihrerseits dann mit 44,7% (Jungen sogar mit 50,0%) etwa zur knappen Hälfte bereit wären, sich dieser Droge anzunehmen. Ab 20 Jahren nimmt dann Konsum und Bereitschaft kontinuierlich ab, sodaß die über 50-Jährigen mit insgesamt 3,1% life-time-Konsum praktisch keine Erfahrung mehr mit Cannabis haben.

 

 

Graphik 1: Cannabiskonsum: Alter und Geschlecht

 

Ergebnis zweier Umfragen: Bei 871 15-Jährigen Schülern und Schülerinnen in 12 repräsentativ ausgewählten Schulen in Bremen sowie bei 3008 repräsentativ (random-route) befragten Bremer Haushalten (Alter 16-70 Jahre)

 

 

Untersucht man nun in einem zweiten Schritt (Graphik 2), wie diese Altersgruppen die Wirkung von Cannabis etwa im Vergleich zur Wirkung des Nikotins einschätzen, dann wird dreierlei deutlich: Zunächst fällt die positive Wertschätzung des Cannabis kontinuierlich mit wachsendem Alter, sodaß der anfänglich sehr hohe positive Wert zuletzt ins Negative absinkt, während die Einschätzung des Nikotins nahezu gleich bleibt.

Im Verhältnis zum Nikotin wird dabei Cannabis insgesamt - bis auf die älteste Altersgruppe - positiver bewertet als Nikotin; ein Befund, der bei den entsprechend befragten SchülerInnen noch sehr viel deutlicher hervortrat: Hier schätzten die 15-Jährigen insgesamt das Cannabis von allen befragten Drogen (Nikotin, Alkohol, Ecstasy, Heroin, Kokain) mit einem Wert von 0.62 am positivsten ein, während Ecstasy den Wert von 0.18, Nikotin ein Negativwert von -0.14 und Heroin - insoweit völlig übereinstimmend mit den älteren Altersgruppen - den höchsten Negativwert von -0.95 erhielt.

Graphik 2: Bewertung von Cannabis und Nikotin in unterschiedlichen Altersgruppen

 

Befragt wurden 3008 BremerInnen jeweils gleichlautend bei Cannabis und Nikotin, was sie mit dieser Droge verbinden: >Spaß<, >Entspannung< , >Glücksgefühl< und >Schmerz<, >Depression<, Abhängigkeit

Die ersten drei Antwortmöglichkeiten wurden mit einem >+< bewertet; die drei letzten mit einem >-<, sodaß sich insgesamt eine 7-Punkte-Skala von +3 über 0 bis -3 ergab. Die nebenstehende Graphik gibt die Mittelwerte für die einzelnen Altersgruppen an

 

Schließlich belegen die Graphiken 3 und 4 sehr eindrücklich, daß diese Bewertung bei beiden Drogen gleichermaßen vor allem von der ‘Erfahrung’ mit den jeweiligen Drogen beeinflußt wird, und daß eine dazwischenliegende ‘positive’ Einstellung (Bereitschaft zu probieren bzw. gelegentliche Erfahrung) ebenfalls zu einer positiveren Bewertung führen wird. Man kann diesen Befund je nach Standpunkt durchaus unterschiedlich interpretieren: Wählt man das noch geltende Cannabis-Dispositiv wird man die positive Bewertung durch die Konsumenten als Rechtfertigungs-Strategie, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen, ansehen - was ja angesichts eines tief verankerten common-sense auch nicht ganz ferne liegen mag; bei den jüngeren Cannabis-Interessierten – die noch nicht konsumiert haben, doch dazu bereit wären - könnte man auf deren Verführbarkeit und bei den Abstinenten auf deren vernünftige Einschätzung verweisen. Aus Sicht der jüngeren Konsumenten dagegen würde man wohl zunächst auf die dem Dispositiv widersprechende ‘eigene Erfahrung’ verweisen, die den Abstinenten fehle, weswegen sie die positiven Seiten ‘Spass, Entspannung und Glücksgefühl’, um deretwillen man ja diese Drogen schätze und deren Risiken in Kauf nähme, verdrängten. Man könnte dann zusätzlich darauf verweisen, daß die sehr deutlichen Bewertungsunterschiede zwischen beiden Graphiken - die bei den ‘life-time’ Cannabis-Konsumenten um eine ganze Bewertungsstufe höher liegt als bei den ‘ständigen’ Nikotin-Konsumenten (Arithmetische Mittel: 1.37 : 0.31) für eine ‘realistischere’ Einschätzung des Gefahrenpotentials sprechen, die - heute - dem Stand des sich langsam ändernden internationalen ‘wissenschaftlichen common-sense’ näher komme.


Graphik 3
: Bewertung von Cannabis durch Konsumenten, Abstinente und Interessierte:

Wie Graphik 2, jedoch unterteilt nach drei Gruppen: Konsumenten(N =458),

Befragte, die bei Angebot oder wenn es straffrei wäre, einen Joint rauchen würden (N = 294)

Total Abstinente (N = 2256).

Der ‘Konsumenten’ Wert bei den 60-70-Jährigen ist möglicherweise wegen des sehr geringen N = 5 = 0.85% zufallsbedingt.

Graphik 4: Bewertung von Nikotin durch Nichtraucher, gelegentliche und ständige Raucher

 

Wie die vorstehenden Graphiken, jedoch für Nikotin:
3 Gruppen: Nichtraucher (N = 1174),

Frühere oder gelegentliche Raucher (N = 861)

und ständige Raucher (N = 973)

 

3.5 Ungeachtet dieser faktisch im Alltag komplex miteinander verschachtelten Genuß- und Abwehr-Motive, belegt der Befund aus den ersten beiden Graphiken (1 und 2) zur Häufigkeit des Cannabis-Konsums wie zu seiner positiven Bewertung, daß die sich in der gegenwärtigen Cannabis-Politik ausdrückende ‘Sorge um die Jugend’ von dieser bis in die späteren ‘postadoleszenten’ Altersstufen hinein keineswegs völlig geteilt wird. Liegt es da nicht nahe, daß die eine Seite - aufgrund eigener Erfahrung und/oder entsprechender Rechtfertigungs-Strategien - langsam aus dem Dispositiv auszusteigen beginnt, während die andere Seite, wie so häufig bei solchen ‘Konflikten’, um so heftiger (u.a. mit einer entsprechenden Änderung der FeV) dagegen hält? Eine Situation, in der es idealiter nur zwei Auswege gäbe: Eine realistische Evaluation des noch immer hegemonialen Dispositivs oder die weitere Ausweitung der FeV auf die Bierdose im Kofferraum; "idealiter", wohl gemerkt.