Henning Schmidt-Semisch
Als in den ersten 25 Jahren dieses Jahrhunderts die Grundsteine der modernen Drogenverbotspolitik gelegt wurden, da verhandelte man - wenn auch großenteils auf der polit-diplomatischen Hinterbühne - vor allem um (national-)ökonomische Interessen (vgl. ausführlich Scheerer 1993). Und auch in den folgenden Jahren ging es auf internationaler Ebene vorrangig noch darum, den Bedarf der erfaßten Substanzen zu schätzen und etwa den Anbau der genehmigten Mengen an Mohnpflanzen zu kontrollieren sowie das System der Herstellung des jeweils berechtigten Bedarfs" in den verschiedenen Ländern in die Praxis umzusetzen. Allerdings sollte es bei diesen, noch eher regulativen, Maßnahmen nicht bleiben; Mach/Scheerer (1998:69f.) beschreiben, wie es allmählich - und vielleicht vor allem zur Rechtfertigung der erheblichen finanziellen Mittel, die man schon damals in die Kontrollpolitk investierte - zu einer Ächtung der erfaßten Substanzen und zugleich ihrer bis dahin durchaus respektablen Händler kam und wie sich diese Entwicklung z.B. im nationalsozialistischen Deutschland schließlich mit dem geächteten und verachteten Status der Minderheit der Juden verband: Vorgeführt wird ein Komplex von Korruption in Polizei und Politik, verknüpft mit dunklen Machenschaften jüdischen Kapitals."
Den richtigen Kick aber sollte erst der 24. Oktober 1969 bringen, als US-Präsident Richard Nixon den Drogen offiziell" den Krieg erklärte: Mit seiner Ausrufung des War on Drugs", die in den folgenden Jahrzehnten von seinen Nachfolgern immer wieder und in den 80er Jahren sogar mit miltärischen Interventionen bestätigt werden sollte (vgl. Thamm 1998:56), setzte Nixon den Startschuß zu jener Propaganda, die noch heute die Drogenpolitik bestimmt und sukzessive alle möglichen Differenzierungen einer rationalen Diskussion einebnete: Psychoaktive Substanzen mit langen kulturellen Traditionen mutierten in diesem Prozeß zu todbringenden Drogen und schließlich zu Rauschgiften ihr Genuß verwandelte sich in Rausch, ihre Einnahme in Mißbrauch, ihr Konsum in Sucht, und ihren Konsumenten wies man per Gesetz den Status von Kriminellen zu, die in ummauerten Anstalten zu absoluter Abstinenz und damit zur Raison zu bringen waren.
Das schärfste Unwerturteil in diesem Prozeß erfuhren allerdings die Verkäufer der verbotenen Substanzen: die Dealer, Pusher und Schmuggler - die Rauschgifthändler. Johannes Stehr (1998) hat ihre (massenmediale) Karriere über die letzen drei Jahrzehnte verfolgt und dabei deutlich gemacht, daß die Ächtung der Dealer grundsätzlich im Zusammenhang mit der komplementären Figur des Drogenkonsumenten verstanden werden muß, also als binäre Codierung, die Gut und Böse, die Täter und Opfer säuberlich trennt: Zum Inbegriff des Bösen konnten Dealer nur durch die gleichzeitige Vorführung einer komplementären Opfer-Kategorie werden: Die Konsumenten als unschuldige Opfer mögen zwar willensschwach, undiszipliniert und daher für Verführungen anfällig sein, jedoch sind die eigentlich Bösen die Dealer: Von Moral unbelastet gehen sie nur ihrem eigenen Vorteil nach" (Stehr 1998:96). Dabei richtet sich das Stereotyp des Bösen in den 60er Jahren zunächst auf den Ausländer, auf den exotischen Verführer", der seine fremden Sitten und Gebräuche in unsere vertraute Umwelt schleust, um unsere unschuldigen Kinder und Frauen zu versklaven". In den 70er Jahren wird der Drogenhandel dann fester Bestandteil der Kriminalberichterstattung, der Dealer wird zum skrupellosen Geschäftemacher und Profi(t)kriminellen, bald unter der Kategorie des ausländischen Kriminellen bzw. des kriminellen Ausländers und schließlich als Mörder inszeniert. Der in jünster Zeit im Zusammenhang mit der Änderung des Staatsangehörigkeitsrechts wieder einmal bemühte und auf heftigen Widerstand gestoßene Vergleich mit der RAF wurde 1979 vom Kabarettisten und Sesamstraßen-Futzi" Henning Venske auf die Dealer gemünzt: Jeder Großdealer, so Venske im Stern (Nr. 43/1979), sei gefährlicher als die gesamte RAF zusammen. Wer Heroin oder Kokain über die Grenzen der BRD bringt, soll mit der Anklage des Mordversuchs verfolgt werden" (zit. bei Stehr 1998:99).
Seit Beginn der 80er Jahre verschwindet der Dealer schließlich vollständig im kriminellen Morast der Organisierten Kriminalität: Der Drogensumpf, den er bewohnt, wird zum Substrat für Mafia, Ausländerbanden und Organisiertes Verbrechen, verbindet sich mit Waffen-, Organ- und Frauenhandel und wird in dieser Verdichtung zur Bedrohung des Staates selbst. Die zentrale Stellung des Drogenhandels in der Darstellung der Bedrohung des Staates durch die Organisierte Kriminalität zeigt bereits der Titel des entsprechenden Gesetzes: Gesetz zur Bekämpfung des illegalen Rauschgifthandels und anderer Formen der Organisierten Kriminalität (OrgKG)". Die Folgen dieser Moralpaniken und Feindbildinszenierungen beschreiben wiederum Mach/Scheerer (1998:72f.): Erstens seien die Strafen für Drogenhändler heute die härtesten seit dem 17. Jahrhundert (als der türkische Sultan Murad IV. sich höchstpersönlich als verdeckter Ermittler auf den Weg machte, um mit Scheinkäufen Tabakdealern auf die Schliche zu kommen und sie nach erfolgtem Geschäftsabschluß mit seinem mitgeführten Säbel eigenhändig zu enthaupten); zweitens sei die Dealerbekämpfung von einem Teil(-breich) der Strafverfolgung zur Blaupause für weitreichende Veränderungen bzw. Verschärfungen von Strafrecht, Strafprozeßrecht und Strafvollzugspolitik geworden; und drittens sei mit dem Zugriff auf ganze Staatengebilde eine neue Qualität der Dealer-Verfolgung erreicht: Heute werden Staaten nicht mehr nach ihrer Nähe oder Ferne zum Sozialismus, sondern nach ihrer angeblichen Nähe oder Ferne gegenüber den Rauschgifthändlern klassifiziert."
Ohne zu übertreiben, kann man also wohl behaupten, das die Drogenbekämpfung im allgemeinen und die Dealerbekämpfung im besonderen, ein Politikfeld mit enormer symbolischer, aber auch finanzieller Bedeutung ist: Milliardenbeträge aller nur denkbaren Währungen sind in den vergangenen Jahren für Drogen ausgegeben worden und wahrscheinlich ebenso viele gegen sie: für Polizisten und Prävention, für Hilfe und Haft, für Soldaten und Strafe, für Richtergehälter und Rauschgiftstatistiken, für Vorträge und Vorbeugung. Ein feinmaschiges Helfer- und Kontrollnetz wurde aufgespannt über jede nur erdenkliche Drogen- und Genuß-Devianz, und Heerscharen von Wissenschaftlern der unterschiedlichsten Professionen haben Geld und Reputation erworben, indem sie die mutmaßlichen Drogen- und Suchtprobleme bis in die entlegendsten Regionen der Welt, des Körpers und der Seele verfolgten, sie analysierten, zergliederten und sezierten, sie de- und wieder rekonstruierten. Und je größer dieser Sektor wurde, desto deutlicher unterstrich er die mutmaßliche Größe des Problems, zu dessen Bekämpfung wiederum neue, bessere und größerer Truppen ins Feld geführt werden mußten. Die Frage wäre, wie diese Eskalation aufgehalten werden kann, denn bei aller Evidenz des Scheiterns der Drogenpolitik an ihren offiziellen Zielen haben sich die Botschaften der sie begleitenden Propaganda doch erfolgreich bis in die entferntesten Winkel der meisten wissenschaftlichen und Alltags-Theorien eingegraben, wodurch das Scheitern bis heute immer wieder als Aufforderung zu einem more of the same" interpretiert werden kann.
Gleichwohl kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß viele dieser verteufelnden Selbstverständlichkeiten im Laufe der letzten Jahre auch brüchig geworden sind, und dies nicht unbedingt deshalb, weil man sie zu selten wiederholt hätte. Im Gegenteil: Einer der großen Kenner der Geschichte der Drogen und ihrer Verbote, Wolfgang Schivelbusch, faßte seine Ergebnisse 1990 folgendermaßen zusammen: Regelmäßiger Drogengenuß führt zur Gewöhnung. Ist die erste Wirkung machtvoll erregend oder berauschend, so flacht sie mit zunehmender Gewöhnung ab. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern ebenso für ganze Kulturen. Jede geschichtlich bedeutende Veränderung der Genußkultur ist im Grunde nichts anderes als die Gewöhnung großer Menschenmassen an die jeweils neuen Genuß- und Rauschmittel (...) Diesen Prozeß der Gewöhnung oder Domestizierung haben alle Genußmittel durchgemacht, die in der Neuzeit in die europäische Kultur eingespeist wurden. Von den phantasievollen Hoffnungen und Befürchtungen, mit denen das 17. Jahrhundert den Kaffee, den Tabak und die übrigen exotischen Genußstoffe begrüßt hat, ist im heutigen Genuß dieser Stoffe so wenig zu spüren wie im bürgerlichen Weinabend vom Dionysischen. Genüsse, die einstmals in ihrer Neuartigkeit die Menschen zutiefst erregten, sind zu gewöhnlichen Alltagsverichtungen geworden" (Schivelbusch 1990:235).
Schivelbuschs Rede von der Gewöhnung führt vor allem dann weiter, wenn man sie auf das umfassende System unseres Umgangs mit psychoaktiven Substanzen (im weiteren Sinne) bezieht. Diese Gewöhnungen sind vermutlich weder von der Politik noch von den Medien intendiert, gleichwohl aber mit der Macht des Faktischen ausgestattet. So haben wir uns daran gewöhnt, das Menschen Substanzen nicht nur zu sich nehmen, um ihren Hunger zu stillen, ihren Durst zu löschen und Krankheiten zu lindern oder zu heilen, sondern auch, um Genuß oder Spaß zu haben, um angenehme Gefühlszustände zu erzeugen oder unangenehme zu vermeiden, um sich am Prozess sozialer Distinktion zu beteiligen und vieles mehr. Die Gewöhung an unsere Alltagsdrogen ist in der Tat so groß, daß wir sie schon gar nicht mehr als Drogen qualifizieren mögen. Vielmehr sind ihnen alltagsbewältigende Funktionen zugewachsen, von denen wir weniger ritualisiert als routinisiert Gebrauch machen: das Koffein, das uns morgens wach machen und über den Tag retten soll; das Bier und der Wein, die uns abends entspannen und das Einschlafen sichern sollen; das Aspirin, das den Kater vertreibt und uns trotz Kopfschmerzen den Kinobesuch erlaubt; apotheken- oder verschreibungspflichtige Schlaftabletten und Wachmacher, Appetitanreger und -zügler sowie nicht zuletzt eine ungeheure Vielfalt von Psychopharmaka. Wir leben in einer Gesellschaft, die permanent eine Unmenge pharmakologischer Hilfsmittel aus den unterschiedlichsten Gründen vorhält, die wir an praktisch jeder Ecke käuflich erwerben können und die sicherstellen sollen, daß wir unseren Alltag mit seinen unterschiedlichen Anforderungen zu bewältigen vermögen - jene duty to be well", die inzwischen sogar unseren Haustieren abverlangt und mit Hilfe von Tierpsychopharmaka sichergestellt werden soll: Unangemessene Freude des Vierbeiners, nerviges Bellen, tierische Trennungsängste, Scheidungsdepressionen der Katze? Kein Problem! Die Firma Novartis erschließt sich gerade den wachsenden Markt für verschreibungspflichtige Psychopharmaka für Haustiere, zum Beispiel für das Mittel Clomipramin, das nicht nur für verhaltensgestörte Katzen und trennungsverängstigte Hunde gleichermaßen indiziert ist, sondern das auch schon seit langem in der Humanmedizin als Mittel gegen Depressionen eingesetzt wird: So dürfte bald der Traum vom Universalmittel für Stadtneurotiker in Erfüllung gehen: gleichemaßen einsetzbar für Mensch, Hund und Katze" (Schuh 1999:27).
Zur selben Zeit haben wir einen multi-kulti, pluralisiert-entmoralisierten vulgär-ethnographischen Blick entwickelt, der es uns erlaubt, anderen (Sub-)Kulturen zu erlauben, andere Formen von Genuß oder Drogenkonsum für legitim zu halten und zu praktizieren. Auch wenn sich dieser Blick noch nicht wirklich in Gesetzestexten ausdrückt, so schimmert er doch auch hier bereits in Form von geringen Mengen zum Eigenverbrauch" durch.
Gewöhnung hat sich aber nicht nur auf dieser mehr oder minder neutralen Konsum"-Ebene breit gemacht, sondern auch hinsichtlich des eher emotionalisierten" Sucht-Begriffs: Wir haben uns nicht nur daran gewöhnt, mit einer ganzen Reihe als süchtig" kategorisierter Personen zu leben, sie als Teil unserer Gesellschaft wahrzunehmen, sondern der Suchtbegriff erlebt seit einiger Zeit zudem eine ungeahnte Inflation: Es ist die Rede von Fernseh- und Computer-Sucht, von Arbeits- und Konsum-Sucht, Ess- und Brech-Sucht, Sex- und Spielsucht usw. Zudem geraten in jüngster Zeit auch die sog. Risiko- bzw. Extremverhaltensweisen (Marathon, Freeclimbing, Bungeespringen, Fasten etc.) unter Suchtverdacht, da sie über die Ausschüttung von körpereigenen Morphinen möglicherweise gelegentlich zu suchtähnlichem Verhalten führen können sollen. Aber selbst wenn dies bei einigen in einem Räsonieren über die Entstehung einer Suchtgesellschaft", einer Gesellschaft der Süchtigen" oder einer Rede von der Versüchtelung der Gesellschaft" münden mag, so bewirkt ein solches Reden doch vor allem - intendiert oder nicht - das Gegenteil: Denn wenn man unter Inflation die "Entwertung des Geldes durch starke Ausweitung des Geldumlaufs ohne entsprechende Erhöhung der Produktion" (WAHRIG 1987:688) versteht, dann bedeutet die Inflation der Süchte nichts anderes als die Entwertung des Suchtbegriffs durch starke Ausweitung seiner Anwendung ohne entsprechende Erhöhung seiner Erklärungskraft (die im übrigen schon bislang äußerst zweifelhaft gewesen ist; vgl. Schmidt-Semisch 1997). Der Abhängige, der Süchtige ist dann in der Tat nicht mehr der Andere, der Fremde - denn Millionäre gibt es ja während einer Inflation haufenweise, sie sind eher die Regel als die Ausnahme. Die weitere Dramatisierung der Sucht gerät daher eher zur Therapeutisierung des Normalen.
Schließlich haben wir uns auch an die Vermarktung von psychoaktiven Substanzen gewöhnt: Wir sind umgeben von Produzenten, Händlern, Transporteuren und Verkäufern, die unsere verschiedenen Nachfragen befriedigen. Sie tun dies und können dies tun, obwohl bekannt ist, welche erheblichen gesundheitlichen und sozialen Gefahren und Erkrankungen durch diese Substanzen und ihren regelmäßigen Konsum entstehen können. Daß diese Drogenhändler bei alldem auch noch enorme Profite machen, daß sie uns durch z.T. aggressive Werbung zum Konsum ihrer Drogen verleiten wollen und daß es hier der Staat ist, der sich die größten Teile dieses Multi-Milliarden-Dollar-Geschäfts in die Steuer-Tasche stopft, finden wir selbstverständlich.
Man kann also behaupten, daß sich durchaus große Menschenmassen an viele alte und neue Genuß- und Rauschmittel sowie an die potentiellen Gefahren, die mit ihrem Konsum verbunden sein können, gewöhnt haben. Und damit einher geht auch eine Gewöhnung an die Erfolglosigkeit der prohibitionistischen Drogenpolitik. Vom Ziel einer drogenfreien Gesellschaft" mit all ihren begleitenden Mythen, wie etwa der Einstiegsthese", dem Anfixen" oder der Rede von der sofortigen Sucht nach einmaligen Gebrauch, ist immer seltener zu hören. Stattdessen entwickeln sich avangardistische Perspektiven, die sich mit ganz neuen Arten und Dynamiken von kontrollierter Lusterzeugung und funktionalem Genießen beschäftigen. So sprach z.B. Sahihi bereits 1991 davon, daß es in nicht mehr allzu ferner Zukunft preisgünstige, vom menschlichen Organismus leicht zu verdauende Drogen geben werde, mit denen die Menschen ihre Lüste und Unlüste, Produktions- und Ruhephasen kontrollieren könnten, wann immer sie es wünschten, ohne sich und der Gesellschaft irgendwelchen Schaden zuzufügen. Und Saunders (1994:38f.) geht in diesem Zusammenhang noch weiter, wenn er schreibt, das Drogen(wirkungen) schon heute weitgehend modeorientiert zu entwerfen seien: Neue Methoden wie z.B. die Einpflanzung von Elektroden in die Hirne lebender Tiere erlauben, die Wirkung neuer Drogen sicher und schnell zu prüfen (...) Neue, psychoaktive Drogen könnten nach der Mode maßgeschneidert werden. Sind die Leute der alten Mode überdrüssig und suchen nach neuen Verhaltensweisen (oder wollen sich vielleicht gescheiter fühlen), werden Drogen mit der gewünschten Wirkung geschaffen." Bröckers (1995) bezeichnet solche Entwicklungen bereits als kosmetische Psychopharmakologie".
Es ist daher nicht verwunderlich, daß sich der War on Drugs", der sich in den 80er Jahren zu einer Art polizeilich-moralischem Weltkrieg ausgebreitet hatte, heute eigentlich nur noch als ein Rückzugsgefecht verbitterter Veteranen der disziplinierenden Repression interpretierbar ist. Meter um Meter verlieren sie an die neuen, die sanften Kontrolltechniker, die Ordnung nicht mehr über die paramilitärische Austrocknung des Drogensumpfes, also normierend herstellen bzw. erzwingen wollen, sondern sich normalisierender Sicherheitstechnologien bedienen. Statt die Realität an einer vorher definierten Norm auszurichten, nimmt die Sicherheitstechnologie die Realität selbst als Norm: als statistische Verteilung von Häufigkeiten, als durchnittliche Krankheits-, Geburten- und Todesrate etc. Während die Disziplin tendenziell alles regelt und ständig in die Realität eingreifen muss, um sie zu verändern, gehen die Dispositive der Sicherheit von dieser Realität aus und versuchen mit ihr zu arbeiten" (Lemke 1997:190). Diese Sicherheitstechnologien sehen Drogenkonsum nicht mehr vorrangig als moralisch verwerflich an, sondern als ein riskantes Verhalten unter vielen anderen.
Pointiert hat Aldo Legnaro in seinem Beitrag zu diesem Band versucht, die zukünftigen Entwicklungen idealtypisch mit drei Suchtregimen" zu beschrieben: Erstens die sich langsam auflösende Prohibition, die Rausch und Sucht nicht mehr ungeschehen machen will, sondern sie an bestimmte (z.B. Fixer-) Räume bindet; zweitens das Regime der privaten Suchtpolitik", bei der das (neoliberale) Subjekt die Balance of (Bio) Power" selbsttätig herzustellen hat, also die Pflicht zum Genuß" (Bourdieu 1991) mit einer duty to be well" (Greco 1993) zu einem rationalisierten Genuß" (Schmidt-Semisch 1994) verbinden muß. Ein drittes Suchtregime" beschreibt er als Regime des Extrems" bzw. der Extremverhaltensweisen und -sportarten, in dem der eigene Körper zur ultimativen Lustquelle und zum Austragungsort individueller Einzigartigkeiten wird. Der flexible Mensch", so Legnaro weiter, hat neue Regeln für den Umgang mit sich und der Welt und nicht zuletzt auch im Umgang mit seiner Selbstkontrolle zu lernen: er hat sich situationsgerecht zu verkörpern, dabei das Erlebnis-Bewußtsein des Rausches zu generieren und dennoch reflexive Distanz beizubehalten".
In einer so konturierten Gesellschaft, in der sich das handelnde Subjekt immer mehr als Unternehmer seiner selbst, als eigenverantwortlicher Manager seiner Arbeits- und Freizeitkraft sowie seiner Gesundheit produzieren muß, der für das Gelingen oder Scheitern dieses Regierens seiner selbst" wiederum nur sich selbst zur Verantwortung ziehen kann, erscheint das bestenfalls parternalistisch zu verstehende, staatliche Verbot einzelner Substanzen immer weniger plausibel. Die sich durchsetzende (neo-) liberale Rationalität der Selbst-Verantwortlichkeit, der Responsibilisierung", die sich zu einer Rede vom Regieren über Freiheit" (Krasmann 1999) verdichten läßt, stellt auch den Konsum psychoaktiver Substanzen in die Verantwortung der Subjekte. Sie entscheiden nun selbst darüber, ob ihr Konsum sich als Spaß, Lust oder Einzigartigkeit ästhetisieren läßt oder als Belästigung wahrgenommen wird.
Vor einigen Jahren noch galt gutmeinenden Drogenarbeitern und Wissenschaftlern der Wechsel von der repressiven" zur akzeptierenden" Drogenarbeit und -politik als entscheidendes Ziel. Dieser Wechsel hat sich inzwischen leidlich vollzogen und ist gleich darauf von einem weiteren überlagert worden: dem Wechsel von der helfenden Klienten- und Betroffenen- zur ökonomisierten Kundenorientierung. Schon heute kämpfen die verschiedenen Institutionen des Drogenhilfesystems oder (wenn man dem Titel dieses Buches folgen will) der "Suchtwirtschaft" um Marktanteile, und ihre Akzeptanz der Klienten mutiert mehr und mehr zur Umwerbung von Kunden. Die noch vor einem Jahrzehnt fast revolutionäre These vom Drogenkonsum bzw. Fixersein als Lebensstil" wird von den Hilfe-Dealern" heute eher ökonomisch interpretiert, was hinter all der Kundenorientierung die Devianz schon fast verschwinden läßt: Schon längst ist die Drogenproblematik" auch zu einem Markt geworden, dessen Akteure nur darauf warten, in neue Marktsegmente vorzustoßen.
Die geplanten Fixer- oder (euphemistisch gewendet) Gesundheitsräume" sowie die anvisierte staatlich-kontrollierte Heroinvergabe" brauchen erprobte und innovative Unternehmer, die sie realisieren. Bedeutsam sind diese seit langem geforderten Reformen heute deshalb, weil man hier erkennen kann, wie emanzipatorische" und Kontroll-Absichten" immer mehr zusammenfallen. So ist etwa der Fixerraum" von den Protagonisten der akzeptierenden Drogenarbeit als Schutzraum" konzipiert gewesen, an dem ein risikominimierter Drogenkonsum betrieben werden sollte. Politisch umsetzbar wurde diese Idee aber erst (nicht erst seit Rot-Grün) durch das Argument, daß damit der öffentliche Raum entlastet und das sog. Kontaktfeld" ausgeweitet werden könne, d.h. durch die Erkenntnis, das der Fixerraum Schutz- und Kontrollraum gleichermaßen ist. Die Logik ist einfach: Wenn es eine Belästigung des öffentlichen Raums durch drogenkonsumierende, vor allem freilich heroinspritzende Personen gibt, und wenn es sich gleichzeitig als unrealistisch erwiesen hat, Heroinkonsum in nenneswertem Maße zu verhindern, dann besteht eine gleichermaßen erfolgversprechende wie ökonomische Maßnahme darin, einen bestimmten Teil des Raumes abzutrennen, ihn als Ort der Unmoral" zu deklarieren und das belästigende Verhalten an diesen Orten zu konzentrieren.
Ganz offensichtlich geht es also beim Fixerraum um die Unsichtbarmachung der Elenden, um das Verdrängen des Belästigenden aus den Flaniermeilen der Städte und Metropolen. Zugleich aber sind sie auch deutliche Hinweise auf Legnaros Suchtregime I: die langsam sich auflösende Prohibition. Denn wer sich einmal in den ja durchaus schon vereinzelt bestehenden Fixerräumen umgesehen hat, der erkennt auch hier den Weg alles Sozialen in den Dienstleistungssektor. Sarkastisch formuliert: nette Sozialarbeiterinnen oder Druck-Hostessen" empfangen den fixwilligen Kunden mit einem freundlichen Hallo" und Was für eine Kanüle hättest du denn gern". Es werden Injektions- und Desinfektionsutensilien gereicht, und dann wird man mit einer netten Geste in den Druckraum geleitet: Bis gleich, im Cafe." Im Falle einer staatlich-kontrollierten Heroinvergabe" bekommt man zuvor auch noch die notwenige Menge Stoff zugesteckt: Qualitätsgarantie und Viedeoüberwachung der risikominimierten Genußhandlung" inklusive (Cant beat the feeling!"). Auch daran haben wir uns im Grunde schon gewöhnt. Der Markt der (Problem-)Dienstleistungen hat seine heute bereits klassisch zu nennenden Bereiche der Kinderbetreung und der Altenpflege, der Ernährungs- und Eheberatung, der Hilfe bei Potenz- und Orgasmusschwierigkeiten sowie der Herstellung persönlicher, häuslicher und sonstiger Sicherheiten längst verlassen und hat sich beispielsweise an die Bestellung des fruchtbaren Morast-Ackers moralisch abweichender Sexualität gemacht: Kaum eine/r, der/die noch Anstoß nimmt an Tittensendern und Tittenhomepages, an Telefonsex und Liebesdienerinnen", an Schwulenkneipen und Lesbendiskos, an Partnertausch- und Swingerclubs, an liebevoll gestalteten Etablisments, in denen die beliebten Stellungen von Herr und Sklave eingenommen werden können und in denen man sich - mit der Intention größter erotischer Erregung - anpissen (Natursekt") und zukoten (Dirty") lassen kann (vgl. Wetzstein u.a. 1994). Man mag sich als Normalo oder Kuschel-Softie von solcherlei Vorlieben distanzieren, Empörung, noch dazu moralische, ist allerdings weder schick noch angemessen.
Was sagt uns das über den zukünftigen Umgang mit psychoaktiven Substanzen? Wenn man an dieser Stelle den möglichen Blick in die Zukunft noch einmal an der Vergangenheit justieren will, dann kann man mit Thamm (1989:30ff.) konstatieren, daß nahezu alle heute legalen Drogen im Laufe ihrer Geschichte ein- oder mehrmals verboten waren und daß - welche Begründungsvariationen diesen Verboten auch immer zugrunde lagen - alle Prohibitionen über kurz oder lang in Besteuerungspolitik mündeten. Bindet man diese historische Beobachtung zusammen mit den gerade heute so leeren Staatskassen, mit der steten Expansion des dritten Sektors und schließlich mit den oben skizzierten Rationalitäten und Mentalitäten neoliberalen Regierens, so erscheint es nur noch als eine Frage der Zeit, bis auch der (heute noch) illegale Genußsektor endgültig vom Service" übernommen wird.
Man braucht im Grunde nicht allzu viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie diese Zukunft aussehen könnte. Aldo Legnaro hat in seinem Artikel die Fixerräume perspektivisch als Bordelle gezeichnet: versteckt und beargwöhnt, aber rege genutzt und letztlich Bedürfnissen dienend, die allen vertraut sind - öffentliche Orte außerhalb der Öffentlichkeit, Heterotopien im Sinne Foucaults, Orte der Andersheit, an denen das andere ungestört anders sein darf - dort, aber auch nur dort, denn dort und auch nur dort unterliegt es der Kontrolle." Zweifellos werden diese Orte entstehen; ich glaube allerdings, daß sich die ökonomische Rationalität damit nicht zufrieden geben wird. Schon heute erleben wir, wie ein Headshop nach dem anderen aus dem Boden schießt, wie die Distinktionsbedürfnisse der Kiffergemeinde sich kommodifizieren. Die Accessoirs sind bereits fester Bestandteil der Genußbranche: Von Kawumm, Wasserpfeifen und sonstigen Dingen, die die Kifferidentität distinktiv beglücken, über versilberte Kokain-Einschnupf-Röhrchen und verzierte -Aufbewahrungsbehältnisse bis hin zum Spritzbesteck, das heute bekanntermaßen selbst in einigen Strafvollzugsanstalten schon kostenfrei verteilt wird, ist alles zur Verleitung und Verschaffung von Gelegenheiten zum (illegalen) Drogenkonsum kommodifiziert angerichtet. Es ist absehbar, daß sich auch in Deutschland die Coffee-Shops nach holländischem Vorbild nicht vermeiden lassen und sich diese Verkaufslokale in nicht allzu ferner Zukunft von den uns allen bekannten Wein- und/oder Spirituosenläden nicht mehr sonderlich unterscheiden werden. Dort werden dann Drogenhändler für je spezifische Gelegenheiten und aus einer breiten Angebotspalette wahlweise Gras", roten" oder schwarzen Afganen" empfehlen und für den kleinen Geldbeutel das preisgünstigerer Euro-Weed" bereithalten. Und für den Öko-Freak wird möglicherweiser der Naturkostladen um die Ecke zudem das Haschisch aus kontrolliert-biologischem Anbau, vielleicht nur mit blauem Umweltengel oder aber in Demeter-Qualität, vorrätig halten. Gewöhnung ist manchmal einfacher als man denkt, und letztlich wird sich auch der Staat der Attraktivität dieser Öko"-Steuer ganz anderer Art kaum entziehen können.
Auf eine ähnliche Zukunft verweisen auch die Entwicklungen im Ecstasybereich: Raves oder auch die Love-Paraden sind im Grunde kommerzielle und professionell organisierte Großveranstaltungen, die durchaus mit Schützen-, Stadt- oder Oktoberfesten vergleichbar sind und auf denen sich Menschen mit bestimmten Präferenzen amüsieren. Diese Veranstaltungen sind auch der beste Beleg dafür, daß von der Gruppe der (in diesem Fall) Ecstay-Konsumenten keinerlei Gefahren (mehr) für Staat und Gesellschaft ausgehen. Denn die Zeiten, als der von Timothy Leary propagierte Slogan Tune in, turn on, drop out" noch als Bedrohung gewertet werden konnte und Leary in den Augen von Richard Nixon zum gefährlichsten Mann Amerikas" machte, scheinen ein für allemal vorbei. Mit den Hippies und Gammlern der 60er Jahre teilen die Technokids nur noch das tune in" und turn on": Zu Tausenden fallen sie in die jeweiligen Partylokalitäten ein, laufen mit oder ohne Drogen zu einem monströsen Tanzgezappel auf und bewegen sich dann stunden- oder auch mal tagelang zu den stampfenden Rhythmen jener Musik, deren stilistische Differenzierungen sich nur dem Insider erschließen: Sie sind gut drauf, haben endlos Energie, machen die Nächte ihrer Wochenenden zum Stroboskop erhellten Tag - und haben Spaß. Aber dieser Spaß ist eben zu Ende, wenn die Party vorbei ist. Drop out", der Ausstieg aus der Hauptkultur oder auch nur der Protest dagegen, ist ihre Sache nicht. Nach der Party ist Ausruhen angesagt, das Runterkommen von der Aufgekratztheit des Techno- und Partysettings: Chill out", die Rückkehr zur Normalität (vgl. Schmidt-Semisch 1998).
Entsprechend sind die Selbstorganisationen der Raver schon nahezu vollstäng einem Dienstleistungstypus verpflichtet, der sich ohne moralische Ambitionen dem Management eines unproblematischen Drogen- und Partykonsums verschrieben hat. Er nimmt Drogenkonsum als gegeben hin und akzeptiert nicht nur, sondern bedient" die Entscheidung der Konsumenten: Der Genuß soll maximiert und gleichzeitig in seinem Risiko minimiert werden: durch Informationen zu den Wirkungen der Substanz, Design und Dekoration der Räumlichkeiten, Bewirtung mit Obst, Frucht- und Vitamindrinks sowie durch Beratung und Schulung des (die Party ausrichtenden) Diskotheken- bzw. Club-Personals - Drogenprävention" als Partyservice". Auch in esoterischen bzw. New-Age-Kreisen wird so etwas durchaus schon praktiziert. Hier führt man etwa schamanische Kreisrituale oder auch säkularisierte" Feste mit Ecstasy durch - bzw. organisiert sie pauschal als erlebnisreichen Wochend-workshop (vgl. Krollpfeiffer 1997).
Schon vor fast zwanzig Jahren hat Manfred Josuttis im Rahmen seiner unbeholfenen Überlegungen" zu einer anderen Drogenpolitik vorgeschlagen, eine Art Drogenurlaub zu arrangieren, so daß man seinen Urlaub nicht nur in den Bergen oder auf Mallorca verbringen kann, sondern auch bei psychedelischen Exerzitien" (Josuttis 1982:1289). Vielleicht eröffnet sich ja hier ein Markt für die zur Zeit stagnierende Tourismusbranche: Mir TUI pauschal ins goldene Dreieck mit Unterbringung im Vier-Sterne-Hotel und Vollverpflegung inclusive (Schöne Ferien!"); organisierte Rundreisen durch die schönsten Anbaugebiete des Nahen Ostens mit Verkostungen erlesener Canaboide und Opioide (Sie haben es sich verdient!"); ethnographische Bildungsreisen zur traditionellen Lebensweise von Cocabauern in Kolumbien und Bolivien usw. Warum sollten nicht auch diese - möglicherweise letzten - Paradiese pauschal buchbar werden?
Aber wieso in die Ferne schweifen: Ebenso gut könnte man sich auch kreative Dienstleistungsunternehmer vorstellen, die die alten chinesischen Opiumhöhlen detailgetreu nachbauen, in denen man aus persischen Originalwasserpfeifen" den Rauch des brutzelnden Mohnsaftes inhaliert, oder die den Club der Haschischesser", den Gautier so anschaulich beschieb, vielleicht auch das Seraphim-Theater" Baudelaires zu neuem Leben erwecken; vielleicht wird es auch Coca-Stuben oder Schnee"-Hütten in den Innenstädten geben, in denen man sich zwischen verschiedenen Einkäufen mit Coca-Cola erfrischen, mit Coca-Tee entspannen und mit Coca-Wein amüsieren, in denen man aber auch Kokain in guter Qualität schnupfen kann. Vielleicht aber - und das ist nicht das unwahrscheinlichste Szenario - wird der Unternehmergeist auch so weit gehen, sich an den großen modernen Freizeitparks oder Wasser- und Badepalästen" zu orientieren und einen Palais des Drogues" erbauen, wo dann alles gleichzeitig und in gepflegter Atmosphäre" vorhanden ist, durch dessen Räume man wandeln kann, sich hier oder dort niederlassend, um psychedelische Dienstleistungen aller Art zu konsumieren.
Den Endpunkt der Entwicklung könnte schließlich die sich auch in Zukunft immer weiter perfektionierende virtuelle Realität bilden. Diese Welt wird es in absehbarar Zeit ohnehin erlauben, im eigenen Ohrensessel (oder dem des Dienstleisters) sitzen zu bleiben, um sich realitätsgetreu simuliert von Brücken zu stürzen oder im Dschungel mit Löwen zu kämpfen. Hier kann - zumindest in absehbarer Zukunft - jede beliebige Situation simuliert werden., d.h. Flugzeugflüge ebenso wie Flugzeugabstürze, das Gehen über eine blühende Wiese gleichermaßen wie das Gehen über ein Schlachtfeld, sowohl Drogenerfahrungen als auch jede beliebige Situation, in der für gewöhnlich körpereigene, psychoaktive Substanzen ausgeschüttet werden. Mit der Produktion virtueller Realitäten werden das Einnehmen von psychoaktiven Substanzen oder Bungee-Springen und Body-Flying tendenziell überflüssig, oder wie es Endres formuliert: Noch ist die Qualität der erreichten Bilder schlecht, das stört die Illusion. In naher Zukunft wird das anders sein, dann wird man von Kirchtürmen springen ohne Seil, fliegen ohne Düse, killen ohne Strafe - alles aus dem Sessel heraus." Meier-Rust (1992:47) ergänzt: Geographische, sprachliche, politische Grenzen werden obsolet in diesen kybernetischen Räumen und Träumen." Und sie zitiert Timothy Leary, den oben bereits erwähnten Alt-Guru der psychedelischen Bewegung der 60er Jahre, der, bevor er seine Asche - gleichsam in Erwartung des Hyper-Kicks - in den Orbit schießen ließ, glaubte, daß der Computer es erlauben (werde), den eigenen Geist ähnlich zu handhaben und die Hirnströme so zu aktivieren, wie es LSD vermag.
Vielleicht wäre im Cyberspace dann die von Legnaro beschriebene private Suchtwirtschaft" (Suchtregime II) vollendet: Was man tut, ist dem Regime letztlich gleichgültig, und auch das Wie ist privatisiert: unter der Prämisse der weitgehenden Unsichtbarbeit ist erlaubt, was gefällt." Wichtig freilich bleibt, daß auch der virtuelle Raum vom Selbst regiert wird, daß die Eigenkontrolle einen immer wieder aus dem Sessel treibt, um die Bedingungen der Funktionalität einzuhalten und die Marktförmigkeit des Lebens herzustellen und zu garantieren. Denn nur so sichert man sich den Zugang sowohl zur Welt der Erwerbsarbeit als auch zum Konsum und damit zur virtuellen Genußwelt.
Vielleicht wird das Palais des Drogues" aber auch, wenn die Künstlichkeiten und Simulationen endgültig unseren Alltag durchdrungen haben, zu einem Ort der Opposition, wie es in der frühen Neuzeit die Kaffeehäuser und Rauchsalons waren, in denen sich die Sehnsüchtigen nach dem wirklichen Leben treffen, zu einem Ort der Authentizität, an dem die Wirkungen der heute illegalen, psychoaktiven Substanzen als eine der letzten nicht-simulierten, unmittelbar-körperlichen Erfahrungen genossen werden können?
Aber wie auch immer sich die Zukunft gestalten mag, die Verteufelung der Drogen und der Dealer wird nicht überleben; denn schon heute zeichnet sich ab, daß die moralische Empörung sich zunehmend am Verbot und immer weniger an seinem Gegenstand entzünden wird.
Literaturverzeichnis
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