Kemper Wolf-Reinhard: Kokain in der Musik. Bestandaufnahme und Analyse aus kriminologischer Perspektive. Dissertation Bremen 2000

 

Der Versuch, sich aus kriminologischer Sicht mit der musikalischen Thematisierung von Kokain zu befassen, betritt in mehrfacher Hinsicht Neuland. Zunächst kann der Autor zeigen, daß die übliche Art, Kokain-Lieder als Beispiel zu zu zitieren, ‘in höchstem Maße fragmentarisch und häufig genug sachlich unrichtig ausfällt’, zumal es bisher national und international keine umfassende Sammlung veröffentlichter Kokainlieder gibt (7). Sodann dienen solche Zitate üblicherweise dazu, ‘eher moralisierend als analysierend vor den Gefahren der Pop-Musik für die Jugend zu warnen’ (10), während im Rahmen ‘reflexiver’ Kriminologie zunächst kulturwissenschaftlich und sozialhistorisch von deren eigenständiger Aussage auszugehen sei (11).

Der Autor stellt zunächst kurz die Geschichte der Kriminalisierung des Kokain vor, deren ‘Paradoxon’ darin bestehe, „daß soziale und formale Normen ... gebrochen werden, um andere soziale und formale Normen zu erfüllen. Kokainkonsum ist für viele mit der Hoffnung verbunden, den bestehenden Normen gerecht zu werden, den Arbeitsnormen, den Besitznormen ... Verhaltensnormen und Leistungsnormen" (19). Dies zeige sich insbesondere auch in der Musikerszene: „Seine Fähigkeit, Anflüge von Müdigkeit und Ershöpfung zu verscheuchen, machen es z.B. für Personen einsetzbar, deren Tätigkeit ungewöhnliche, unregelmäßige und außergewöhnliche Belastung mit sich bringt" (22); dies gelte insbes. für die Musiker der ‘Pop’Szene, „bei denen mit einer ausgeprägten Affinität zwischen (berufs-) strukturell bedingten Verhaltensanforderungen im Musiker-Alltag einerseits und dem instrumentellen Potential von Kokain, Amphetaminen und anderen Stimulantien zu rechnen ist". Angesichts des dort herrschenden Star-Kults fragt der Autor: "Was liegt näher, als die Bereitschaft und der Versuch, die Erhaltung und Steigerung von Leistung durch eine Droge zu erhöhen, die in dem Ruf steht leistungssteigernd zu seinn, wenn Können und Präsentationsleistung oft direkt mit der Steigerung des Verdienstes in Zusammenhang stehen" (26). Kokain wird hier auch benutzt, um mit der Belastung fertig zu werden, ständig in der Öffentlichkeit in der Rolle als Künstler präsentieren zu müssen (33). Hier kann dann der Kokain-Konsum zum habitus werden, mit dem sich Musiker umgeben, und durch den sie die Normen, Werte und Rituale ihrer Zugehörigkeit und des Status (erfolgreich) innerhalb der Gruppe zum Ausdruck bringen und damit das Weiterbestehen des Habitus der Gruppe sichern"; dies setzte zu Beinn des 20 Jahrhunderts ein, und blieb bis heute erhalten (35). Deutlich wird dies in den vom Autor - der selber semi-professionell als Rock-, Folk- und Popmusiker tätig ist - geführten 26 Intensiv-Interviews mit Kokain konsumierenden Popularmusikern und 15 weiteren Musiker-Interview von 1993 bis 1999, die, ausführlich zitiert, diese Funktionalität des Kokains belegen können: „Wenn wir auf Proben Koks nahmen und unsere Songs spielten, wurden wir, begeistert über unser Können, euphorisch. Und es hat uns die Müdigkeit genommen" (S.44). Kokain dient dabei auch der Selbstinszenierung und der Demonstration von Macht - etwa bei der Einladung zum gemeinsamen Kokain-Konsum (45). Natürlich werden auch unangenehme Nebenwirkungen deutlich, je häufiger und intensiver Kokain benutzt wurde (50). „Als ich noch kokste hatte ich keine nennswerten Probleme damit, doch nachdem ich damit aufhörte, hatte ich das Gefühl der Sucht nach einer gefährlichen Droge entgangen zu sein".

Der Autor stellt sodann seine Quellen vor und listed 204 englischsprachige und 37 deutschsprachige Kokainlieder nach Jahr (seit 1927), Titel, Interpret, Nationalität des Interpreten, Komponist, Produkt, Titel des Produkts, Musikstil und Hersteller mit Produkt-Nummer auf.

Dies bietet ihm Basis sowohl für einen Vergleich wie vor allem für eine thematische Inhaltsanalyse, die in den USA allgemeine gesundheitliche Folgen, Drogenhandel, Kriminalität, finanzielle Verluste und Abhängigkeit betonen, in England dagegen die sozialen Folgen, Abhängigkeit, Drogenhandel, allgemeine gesundheitliche Folgen und Kriminalität sowie in Deutschland primär die Abhängigkeit, Polizei/Justiz, soziale Folgen, Drogenhandel und Kriminalität: „ In den USA ist Kokain die Droge, von der die meiste Gefahr für die amerikanische Bevölkerung erwartet wird... ; der Umgang mit Drogen in Großbritannien ist eher pragmatisch;.... eine eigene politische Verantwortung und eine nationale Auseinandersetzung im Umgang mit Kokain und dessen Konsumenten hat die Bundesrepublik Deutschland bis heute nicht erarbeitet" (94).

Besonders farbig gerät sodann der eigentliche Hauptteil, in dem Kemper die Inhalte der Lieder für die USA, Gro0britannien, Deutschland und Österreich in deren jeweilige politisch-kulturelle ‘Kokain-Geschichte’ einordnet: „Ein Song, der vor dem I. Weltkrieg in New Orleans bekannt wurde, hatte den Titel ‘Candy Man’. Der ‘Candy Man’ war bis zum I. Weltkrieg in den Südstaaten der UA das Synonym für einen Kokaindealer" (106).... „Auch der ‘Cocaine Habit Blues’ war wahrscheinlich in Arbeitscamps bekannt. In einer Zeile des Liedes wird auf das Holzfäller Camp Mingelwood hingewiesen, ‘If you don’t belive Cocaine is good, ask Alma Rose from Mingelwood" (111). Besonderes Gewicht gewinnt auch hier Anslingers Arbeit, geprägt "durch seinen Rassismus und seine extreme Antipathie gegen Jassmusik und ihre Musiker" (133), unter dessen ‘Textkontrollen’ u.a. auch Cab Calloway mit seinen bekannten ‘Minnie The Moocher’ Songs zu leiden hatte (134). Eine Kontrolle, die bis in die jüngste Zeit hineinreicht, so wurde „am 10. September 1970 die erste Liste von Liedern an die Sender verteilt, die ‘anscheinend zum Narkotika Mißbrauch’ anregten. Unter der 18 Titeln befanden sich auch Songs, die vor Drogenmißbrauch warnen wollten, wie zum Beispiel der ‘Cocaine Blues in der Johnny Cash Version" (172).

In England stehen die Rolling Stones mit ihrer engen Drogen-Beziehung im Vordergrund der Analyse. Vielfach durften Songs nicht gesendet werden , doch werden sie bis in die jüngsten Musikstile immer wieder neu bearbeitet „Probleme, Ghettoleben, Kokain, Kriminalität und Mut sind Inhalte der Texte tanzbarer Rap/Hip Hop-Musik, die international für den Markt einer jungen Käuferschicht mit attraktiven jugendlichen Sängern und Sängerinnen produziert wird. Der Begriff ‘cocaine’ ist Symbol und Accessoire für das Szenario ‘Ghetto’, das der, mit Rap-elementen versehenen Tanzmusik einen ‘touch’ von Authentizität verleiht" (272).


Auch in Deutschland findet Kokain spätestens seit 1919 seinen Weg in Ostinis Lied ‘Wir schnupfen und wir spritzen’ (280), um dann nach dem Ende der Weimarer Zeit erst seit den 70ern - Waders ‘Kokain’ (292) - wieder aufzutauchen, und schließlich mit Konstantin Wecker, den Kemper dazu auch interviewte (305), die Schlagzeilen zu füllen.

Deutlich wird in diesen zumeist sehr textnahe durchgeführten Analysen einerseits, wie sehr sich sowohl individuelle Erfahrungen der Musiker wie auch die jeweils aktuelle Drogenpolitik, ihre Verbotsversuche, bis hinein in die camouflierende Sprache auswirkt, ohne jedoch diese Lieder unterdrücken zu können, und andererseits, wie unterschiedlich die Themen im Rahmen der verschiedenen Musikstile behandelt werden, um gleichwohl , insbesondere bei besonders bekannten Liedern, erneut aufgenommen und weitergespielt werden. Eine sehr anschauliche Kultur-Geschichte, die zugleich nicht nur Musik-Soziologen ein sehr sorgfältig aufgearbeitetes Basis-Material für weitere Analysen an die Hand gibt. Zumal Kemper in seiner anhangsweisen wiedergegebenen Textsammlung auf 150 Seiten etwa 250 Liedtexte wiedergibt, die abschließend durch ein Drogen- und Sachregister sowie ein Personen und Musikband-Register (S.480ff) sinnvoll ergänzt werden.