Schmidt, Torsten: Graue Gefahr oder Graues Glück. Der Graumarkt als Folge und Strategie der Drogenhilfe am Beispiel von Amsterdam und Bremen. Dissertation Dr.phil. Bremen.2000

Im illegalen Drogenbereich besteht zwischen dem eigentlichen Drogen-Schwarzmarkt und den legalisierten Substitutionsangeboten ein weithin vernachlässigter grauer Markt, auf dem diese Substitutionsmittel ‘schwarz’ gehandelt werden. Der Autor, der ursprünglich als Drogenarbeiter bei AMOC in Amsterdam deutsche Drogenabhängige betreute, und der neben zahlreichen einschlägigen Artikeln durch sein Buch „Ich habe es ohne Therapie geschafft" (1996) bekannt wurde, untersucht in seiner Dissertation zwei Bereiche dieses grauen Drogenmarktes, und zwar den der Opiat-Ersatzstoffe Methadon und Codein und den der Psychopharmaka, insbesondere des Rohypnol , um anhand der Beispiele von Bremen und Amsterdam den jeweils höchst unterschiedlichen Zusammenhang zwischen den drei Märkten - legal, schwarz und grau - zu analysieren: „soll in dieser Arbeit... der Graumarkt als Gesamtkomplex, als ein vom Schwarzmarkt und der Legalverschreibung abgrenzbares Versorgungssystem der Drogenkonsumenten beschrieben und analysiert werden" (2).

Neben einer Fülle einschlägiger Literatur und eigenen Erfahrungen insbesondere aus seiner Tätigkeit bei AMOC verwertet der Autor dafür Interviews mit Experten aus beiden Städten und Interviews mit Betroffenen aus dem grauen Markt-Bereich. Der Autor gewinnt dadurch eine Perspektive, in der - jenseits geläufiger Vorstellungen - Funktion und Funktionieren des Graumarktes als gezielt eingesetztes Mittel - als Weg zu einer Drogenautonomie zwischen Behandlung und Verelendung (33) - sowohl für eine ‘ergänzende Substitution’ wie aber auch für eine ‘Ökonomie des Rausches’ verständlich wird; ein Graumarkt, der die „’low budget’ Drogen der Szene liefert, auf den die Konsumenten auch deswegen zurückgreifen, weil die Schwarzmarkt-Originalstoffe für sie auf Dauer nicht finanzierbar sind" (10).

Zunächst werden die drei genannten Versorgungsebenen in ihrer spezifischen Funktion für abhängige Konsumenten beschrieben, wobei die Abhängigkeit des Graumarktes von der Art der legalen Verschreibung, dessen Funktion als ‘Ersatzrauschmarkt’ , seine Wechselbeziehungen zum Schwarzmarkt und seine komplexen Wechselwirkungen mit dem

drogenorientierten Gesamt-System näher analysiert werden (s. Schema S. 19). Überraschend, doch einsichtig, dabei seine Aussage, daß der Graumarkt „wie ein Spiegel wirkt, mit dem die Drogenhilfe ihre Maßnahmen reflektieren kann" (20); weswegen der Autor als zentrale Perspektive seiner Arbeit annimmt: „die abhängige Reaktion des Graumarktes auf konzeptionelle Entscheidungen der Legalverschreibung ermöglicht der Drogenhilfe ein regulierendes Eingreifen auf den Graumarkt, womit sich Konsummuster, deren Nutzzen und Risiken auf der Szene beeinflussen lassen" (21).

Nach einer gelungenen Darstellung seines empirisch-methodischen Vorgehens - Sekundäranalyse, Interviews, Gruppeninterview und teilnehmende Beobachtung - belegt das Ergebnis einer entsprechenden Literatur-Recherche die ganz überwiegend negative Haltung gegenüber dem Phänomen des Graumarktes (44ff). Ergänzt wird dies durch eine Beschreibung des rechtlichen Hintergrunds - 10.BtMÄndV (bis zu der hin der Markt im wesentlichen untersucht wurde) und NUB-Richtlinien: „Ein Graumarktbedürfnis entsteht also nicht alleine durch die Nichtversorgung von Konsumenten, sondern auch durch eine häufig wirklichkeitsfremde Ausgestaltung der Behandlungsregeln. Wobei diese Effekte sich vor allem durch die Einbeziehung der NUB-Richtlinien noch zusätzlich und nachhaltig verstärken" (58); dies gilt vor allem auch für das - keineswegs nur als ‘verantwortungslos’ zu kennzeichnende - Verhalten der Ärzte: „Anspruch und Realität der Substituion sind in Deutschland nicht deckungsgleich. Die Substitutionsregeln erfahren während ihrer Umsetzung vom Buchstaben des Gesetzes zur Anpassung der täglichen Umsetzung in den Arztpraxen nicht wenige Blessuren" (60). Eine insgesamt eher ungewohnte Interpretation, die in der ausführlichen Kritik von zwei gerichtsmedizinischen Untersuchungen zum Drogentod einsichtig wird. Die Münchener Analyse der Codein-Toten, die als Begründung für die Beendigung der grauen Codein-Substitution diente, belegt am Sonderfall München die Probleme einer Codein-Substitution im ‘Vakuum mangelnder Methadonsubstitution" (64). Und die Hamburger ‘Methadon-Toten’, die gerne als „negative Folgen der Substitutions-Liberalisierung der 10 BtMÄndV" (62) zitiert werden, verweisen, von Problemen des methodischen Vorgehens einmal abgesehen, möglicherweise auf eine ‘mißglückte Selbstmedikamentation’ bei unzureichendem Substitutions-Angebot (69).

Neben der Funktion der Selbstmedikamentation wird regelmäßig der Wunsch nach Rausch-Erleben aus der Diskussion ausgeblendet: „Die negative Einordnung des Rausches widersetzt sich Überlegungen, das Rauschbedürfnis von Drogenkonsumenten pragmatisch und strategisch in der Drogenhilfe einzusetzen" (73). Neben den ‘Leiträuschen’ Heroin und Kokain, wie sie vom Schwarzmarkt abgedeckt werden, entwickelt sich eine Fülle von Konsummustern, in denen der Drogengeschmack durchaus wechselvollen individuellen Vorlieben und Abneigungen folgt (75); Vorlieben und Risiken, die vom Autor an Hand der Aussagen seiner Interview-Partner ausführlicher diskutiert werden: „Die Attraktivität des Methadons ist die eines ‘rauschlosen Wattebauschs’" (85); „auf Heroin wird zurückgegriffen, wenn kein Methadon verfügbar ist"; „Methadon i.V. mit höherer Rauschwirkung" (87), das als ‘sauberstes Opiat auf der Szene’ „durch die Sättigung der Substitution hindurchdringen kann" (88) ; „Codein, eine Möglichkeit zur Überbrückung bis zum nächsten Schuß" (92); ‘Rohypnol als Rauschverstärker, um das schlechte Straßenheroin aufzupeppen’ (95f).

Insgesamt gilt demgegenüber im offiziellen Drogenhilfe-System: Über diesen Beigebrauch „wird in Themen von Problemen nachgedacht und gesprochen, nie über seine hilfreichen Aspekte, geschweige denn in einer Genußsprache"(100). Doch: „Methadon ist keine pharmakologische Sperre gegen den Rauschwunsch, sondern gegen dessen Möglichkeit" (101), weswegen „gerade die leicht erreichbaren medizinischen Rauschdrogen, die uneingeschränkt weiterhin einen Rausch vermitteln, und die das ‘Heroinloch’ füllen", gesucht werden, „auch wenn der erreichbare Rausch im Verhältnis zum Leitrausch von vielen kaum mehr als ein dumpfbetäubender Ersatz empfunden wird" (103). Mit dem berechtigten Fazit: „Die gegenwärtigen Ansprüche der Drogenhilfe führen bei Konsumenten nicht zum Rauschverzicht, aber zur Hinwendung auf die Szene/Graumarkt" mitsamt dessen besonderen Risiken .... „Eine stärkere Akzeptanz des Rauschwunsches in der Legalverschreibung würde diesem Zirkel eine geregelte Alternative entgegensetzen" (105).

Schmidt demonstriert sodann - wiederum überraschend und überzeugend - anhand der Preislisten aus Amsterdam und Bremen für Drogen auf dem grauen und schwarzen Markt (aus der Zeit vor der 10 BtMGÄndV.) nicht nur, wie rasch es hier zu überhöhten Schätzungen in der gängigen Literatur kommt, sodern vor allem, daß die Abhängigen sehr wohl die Preise kalkulieren, wobei dem Graumarkt eine bedeutsame ‘Puffer-Funktion’ zukommt (113): Das Ausmaß der Legalverschreibung prägt die Preise - z.B. hoch für Rohypnol in Amsterdam bei gleichzeitigem Fehlen von Codein und Methadonsaft - und: „Ein breites Graumarktangebot hält die Schwarzmarktpreise im Zaum und stabilisert eine gute Heroinqualität" (114).

Ausführlicher wird zunächst die holländisch-Amsterdamer Drogenpolitik in ihrer pragmatischen Zweigleisigkeit nebst ihren besser untersuchten Auswirkungen auf den Graumarkt beschrieben, die diesen deutlich vom Schwarzmarkt trennt, sowie Preisstabilität, geringe Heroin-Schwankung, geringe Psychhopharmaka mit entsprechend geringen Zahlen an Drogentoten garantiert: „Der Hausarzt als Garant des Hilfesystems und als Lieferant des Graumarktes" (130), der in neuerer Zeit zum Teil durch den zentralen Gesundheitsdienst (GG&GD) abgelöst wurde, ohne daß dadurch der Graumarkt verschwand. Konsumentenbefragungen zeigen, daß „der Graumarkt dort einen Beitrag liefert, wo die Drogenhilfe undanks ihrer niederschwelligen Organisation an die Grenzen ihrer Möglichkeiten kommt, dem illegalem Heroin ein Substitutionsmittel entgegenzusetzen.... eine kostenlose Flexibilisierung der Methadon-Hilfe"; ein Markt, der gleichzeitig die Konsumenten auch in einer unabhängigen Position gegenüber dem Schwarzmarkt stärkt (142), obwohl das Methadon (da nur in Pillenform) ausschließlich als Substitutionsmittel, nicht dagegen als Rauschopiat gesucht wird (145). Angesichts eines effizienten Schwarzmarktes, großzügiger Methadonvergabe und geringer Verschreibung von ‘Pillen’/Rohypnol durch Hausärzte, ist auch der ‘Pillenmarkt’ eher ein Ersatzmittel- denn ein Ersatzrausch-Markt (153): „Typisch für Amsterdam ist die Auffassung: Methadon verhindert den riskanten Konsum von Heroin - gleichgültig ob grau oder weiß" (157),.

In Bremen mit seinem breiten Hausarztsystem dagegen werden - trotz seiner Avantgarde-Funktion in Gesamtdeutschland - nur 25% bis 37 % (Amsterdam: 60%) der Konsumenten durch ein Substitutionsangebot erreicht, wodurch (insbesondere nach der Gleichstellung des Codein mit Methadon) ein hohes Graumarkt-Bedürfnis geweckt wird; ein Bedürfnis, das jedoch nur bedingt, etwa im Rahmen offizieller oder grauer take-home-Dosen, gedeckt werden kann (166). Hier existiert neben einem etwas sicherem privaten Markt ein höchst problematischer ‘Methadon-Bus-Markt’; der schwindende Rückgriff auf die Ausweichmöglichkeit des Codeins machen - bei insgesamt sehr schlechter Heroin-Qualität - Rohypnol und Fluminoc zu ‘billigen Favoriten’ (181): „Im Vergleich zu Amsterdam läßt sich in Bremen der Graumarkt nicht an einer einheitlichen und erkennbaren konzeptionellen Linie der Legalverschreibung diskutieren .... Weitgehend identisch sind die Linien, über die der Graumarkt versorgt wird. Sind es in Amsterdam die Hausärzte und das GG&GD, sind es in Bremen die Hausärzte angefüllt durch zusätzliche Quellen wie Apotheker .... In der Gesamtbetrachtung lassen sich die Gegensätze der beiden lokalen Drogenhilfesysteme in der praktischen Auswirkung auf den Graumarkt dadurch kennzeichnen, daß die Legalverschreibung in Bremen die Versorgung des Graumarktes mit jenen Mitteln stärker bedingt, denen im Verhältnis die größeren Konsumrisiken zugesprochen werden müssen" (185f). Der Gesamt-Graumarkt in Bremen erfüllt „als Versorgungsebene unverkennbar eine Funktion als Ersatzrauschmarkt" Die „flächendeckende Verwendung von verdicktem, zur parentalen Anwendung nicht geeignetem Methadon, entsprechend einer ‘neuen Rezeptur’" zeigt, „ daß der Graumarkt in seiner Funktion als Versorgungsebene nicht als Teil einer Gesamtverantwortung der Drogenhilfe wahr- bzw. angenommen wird und damit die gesundheitspolitische Reaktion den Graumarkt immer eher in einseitigen Erschwernissen für Konsumenten trifft" . „Typisch für Bremen ist die Hoffnung: Methadon verhindert den riskanten Konsum von Heroin, gleichgültig ob es grau oder weiß...ist" (188).

Deutlich wird damit, daß „beide Entscheidungen der Amsterdamer Legalverschreibung - großzügige Verschreibung von Methadon und geizige von Psychopharmaka ... auf dem Graumarkt .... im ersten Fall das Bedürfnis und im zweiten Fall die Menge begrenzt" haben (196), während in Deutschland vor allem der sanktionierte ‘Beigebrauch’ in seiner unterschiedlichen Funktion „zwischen Realitätsflucht, Problemkompensation, Streßabbau, rationaler Stützungsfunktion, Selbstmedikation und Rauschgenuß" bisher weder zureichend begriffen noch untersucht wird (197), was insbesondere dann problematisch wird, wenn (schwarz oder legalisiert) keine weniger schädliche rauschfähige Originalstoffe (Heroin/Kokain versus Methadon/Rohypnol) verfügbar sind (197).

Stephan Quensel Dezember 2000