LVA: Drogenwirkung und soziales Verhalten

VeranstalterInnen: Susanna Prepeliczay (LB), Jörg Jenetzky (LB)
Wintersemester 2001/2002

Suchtmodelle Teil 1

Protokoll der Veranstaltung am 09.01.2002 von Sönke Gabriel

Diese Sitzung begann mit einem Referat von Tanja Knief zum Thema Suchtmodelle. Das Referat war unterteilt in einen allgemeinen Teil über das Thema Sucht und einem Teil, in dem die verschiedenen Sichtweisen der wissenschaftlichen Disziplinen Neurobiologie, Soziologie, Psychologie und der Philosophie erklärt wurden.

Zu Beginn des Referats erklärte Sie, daß das Wort "Sucht" sich aus dem germanischen Wort "Siech" ableitet und auf Siechtum und Krankheit hinweist. Deswegen ist dieser Begriff oft in Bezeichnungen für Krankheiten enthalten, z.B. Schwindsucht, Gelbsucht usw. Ein ähnliches, auch Krankheit bezeichnendes Wort gibt es im althochdeutschen: das Wort "Suht" (bedeutet auch Krankheit).

Laut Suchtlexikon (siehe Literaturliste) ist Sucht ein starkes Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand, das sich auf Drogen oder Verhaltensweisen bezieht - es werden also stoffgebundene und stoffungebundene Süchte unterschieden. In beiden Formen kontrolliert die Sucht das Verhalten einer Person. Sie muß wiederholt (und oft verbunden mit einer Dosissteigerung) befriedigt werden. So erhöht beispielsweise ein Heroinabhängiger mit fortschreitendem Konsum die jeweilige Dosis genauso, wie ein Extremsportler immer gefährlichere bzw. anstrengendere Varianten in der Ausübung der Sportart braucht, um "den Kick" zu erleben. Charakteristisch für die Sucht sind Schäden bzw. Veränderungen im psychischen, sozialen und/oder physischen Bereich.

Danach verglich die Referentin den Begriff "Sucht" mit dem in Fachkreisen benutzten Begriff der "Abhängigkeit" und kam zu dem Schluß, daß "Sucht" allgemein verstanden wird und die stoffgebundenen und stoffungebundenen Formen einschließt. "Abhängigkeit" ist laut Suchtlexikon eine einschränkende Bindung an Menschen, Ideen oder Stoffe, die eine freie Entwicklung und die Autonomie der eigenen Entscheidung einschränkt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte 1964 Sucht als "ein Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, schädigend für den Einzelnen und/oder die Gesellschaft, der durch den wiederholten Genuss eines natürlichen oder synthetischen Arzneimittels hervorgerufen wird. Zur Sucht gehören:

  1. ein dringendes Verlangen oder ein echtes Bedürfnis (Zwang), die Einnahme des Mittels fortzusetzen und es unter allen Umständen in die Hand zu bekommen;
  2. die Tendenz die Dosis zu steigern;
  3. die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung des Mittels.

1968 hat die WHO den Begriff Sucht (drug addiction) durch die Begriffe der Abhängigkeit (drug dependence) und Missbrauch (abuse) ersetzt, weil er wissenschaftlich nicht sinnvoll sei. Abhängigkeit ist allerdings auf Substanzen beschränkt und liegt vor, wenn die Einnahme der Substanz Vorrang gegenüber den sonst üblichen Verhaltensweisen hat.

Anschließend wurde die biologische Perspektive zum Thema erklärt: hier wird Sucht als eine Form der Arzneimittelabhängigkeit verstanden, die von anderen Formen des Missbrauchs, der Gewohnheitsbildung bzw. Gewöhnung zu trennen ist. Die Gewohnheitsbildung besteht im Verlangen nach der regelmäßigen Einnahme einer Substanz ohne Entzugserscheinungen beim Absetzen. Ist eine Toleranz zu beobachten wird von einer Gewöhnung gesprochen.

In der Medizin wird von der Sucht als Toxikomanie gesprochen. Sie ist ein Zustand, der durch periodische oder chronische Vergiftung durch den wiederholten Genuss eines natürlichen Arzneimittels hervorgerufen wird und schädlich für den einzelnen und/oder die Gesellschaft ist. Merkmale von Sucht sind: übermäßiges Verlangen; Tendenz zur Steigerung der Dosis; psychische und physische Abhängigkeit; Entzugserscheinungen nach dem Absetzen.

Viele gegenwärtige Suchtformen erfüllen allerdings nicht diese Kriterien (z.B. sind die Substanzen nicht mehr ausschließlich natürlich). Deswegen wird zunehmend der Begriff der Drogenabhängigkeit benutzt.

Die Psychologie versteht Sucht im engeren Sinn als einen Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation mit Substanzen, der für das Individuum und/oder für die Gesellschaft schädigend ist. Diagnosekriterien für die Abhängigkeit sind eine Toleranzentwicklung und Entzugsphänomene, d.h. die Absetzung hat aversive psychische/physische Folgen.

Soziologisch betrachtet ist Sucht die Bezeichnung für einen Zustand einer körperlich/geistigen Abhängigkeit vom wiederholten Konsum von Rauschmitteln (z.B. Alkohol, Nikotin, Medikamente etc.). Es gibt unterschiedliche Erklärungen dafür, welche Faktoren und Umstände zu einer Abhängigkeit führen.

Zusammenfassend kann Sucht als ein Phänomen bezeichnet werden, das ein Individuum periodisch dazu veranlasst, einen bestimmten Zustand (bei dessen Ausbleiben psychische/physische Mangelerscheinungen auftreten) zu erreichen, auch, wenn die bisherige Lebensweise oder Gesundheit darunter leidet.

Als diese verschiedenen Perspektiven und Definitionen erklärt waren und es keine weiteren Fragen gab, wurden die verschiedenen Suchtmodelle aufgeführt:

HAVEMANN-REINECKE: Sucht - zur neurobiologischen Grundlagenforschung in der BRD

Die neurobiologische Grundlagenforschung untersucht die Prozesse, die zu Formen von Sucht führen können. Ziel ist, Erklärungsansätze für die Entwicklung einer Gewöhnung des Körpers an eine Substanz (mit Dosissteigerung), für psychische Abhängigkeit (ohne Dosissteigerung), oder für beide Typen zu entwickeln. Darum ist dieser Forschungszweig vor allem für die Kliniken wichtig, wo die Behandlung von Suchterkrankungen und der Entzug stattfindet.

Da die körperlichen Entzugserscheinungen relativ schnell und zufriedenstellend erforscht wurden liegt der Schwerpunkt des Interesses des Autors bei der Suchtentstehung, um die psychische Abhängigkeit besser begreifen und erklären zu können. Außerdem setzt ein genaues Verständnis für diejenigen Prozesse, die bei einer süchtigen Person insbesondere im Hirn ablaufen, ein relativ fortgeschrittenes (neuro-) biologisches und chemisches Wissen voraus. Darum wurde den Veranstaltungsteilnehmern nur stark verkürzt erklärt, welche Bereiche des Körpers bei der körperlichen Abhängigkeit eine Rolle spielen:

Möglichkeiten die Krankheitserscheinungen der körperlichen Abhängigkeit näher zu kommen sind die biochemischen Untersuchungen über die Opioidrezeptoren nachgeschalteten Prozesse, wie z.B. über sogenannte G-Proteine in verschiedenen Geweben; biochemische Untersuchungen von Kondensationsprodukten von Neurotransmittern; oder elektrophysiologische Untersuchungen über die Wirkmechanismen von Opioidrezeptoren. Eine zentrale Rolle spielt hierbei das mesolymbische System als sog. "Belohnungssystem".

Neurobiologische Forschungsansätze zur Pathophysiologie (Lehre von den Krankheitsvorgängen) der psychischen Abhängigkeit:

Allgemein wird angenommen, daß drei Komponenten für die Entwicklung von psychischer Abhängigkeit relevant sind.

  1. die euphorisierende und belohnende Wirkung einer Substanz
  2. die Erhöhung der dopaminergen Aktivität im ZNS
  3. Konditionierungsphänomene der durch das Pharmakon hervogerufenen Effekte

Die Relevanz und Wirkmechanismen dieser Komponenten werden durch zahlreiche Tierversuche getestet. Bestimmte Verhaltensweisen gelten dabei als Indikatoren für die Relevanz der angesprochenen Annahmen. Interpretierbar sind sie erst, wenn der Aufbau des dopaminergen Systems bekannt ist:

Dopamin ist ein Neurotransmitter. Das dopaminerge Transmittersystem ist im Gegensatz zu dem noradrenergen, serotoninergen und GABAminergen System im Gehirn auf bestimmte Gebiete beschränkt. Es gibt die nigrostriatale Bahn, die mesolimbischen Bahnen und die mesokortikalen Bahnen.

Bekannt ist, daß das Dopamin der nigrostriatalen Bahn für die Durchführung von Willkürbewegungen verantwortlich ist. Das Dopamin der mesolimbischen und wahrscheinlich auch der mesokortikalen Bahnen ist für Prozesse der Motivation und positiven Verstärkermechanismen zuständig.

Zahlreiche verhaltenspharmakoloische und biochemische Untersuchungen bestätigen die Annahme, daß eine Erhöhung der dopaminergen Transmission für die Entwicklung von Sucht und psychischer Abhängigkeit verantwortlich ist.

Die Erhöhung der dopaminergen Neurotransmissionen ist unter Einwirkung von Opioiden, Kokain, Amphetamin und verwandten, Nikotin und Alkohol bewiesen.

Zu den Tierversuchen: Selbstverabreichungsstudien und Selbststimulationsversuche sind generelle Tests in der psychopharmakologischen Forschung zur Erforschung und Entwicklung von Psychopharmaka. Erstere zeigen, daß sich Ratten Substanzen, die auch bei Menschen ein hohes Suchtpotenzial erzeugen, bis hin zu letalen Dosen selbst injizieren.

Andere Versuche haben zum Ergebnis, daß die Tiere diejenigen Zentren, die durch Dopamin reguliert werden, elektrisch so oft selbst stimulieren, daß sie dabei zum Teil sogar basale Bedürfnisse vernachlässigten.

Während diese beiden Versuchsgruppen die ersten beiden Komponenten bestätigen können, wird der Konditionierungsprozess durch folgende Versuche anschaubar:

(Nach Pawlov) Tieren werden hierbei einige Zeit neben der Behandlung mit Substanzen (Kokain, Amphetamin, Morphin und Nikotin) während der Drogenwirkung spezielle Umweltstimuli ausgesetzt (auditorische, olfaktorische, oder taktile Reize). Die Verhaltensweisen, die diese Tiere währenddessen an den Tag legen erscheinen später dann alleine durch den zuvor zugeführten Reiz. Ohne die Substanz können dann Sehnsüchte nach der Substanz und Entzugssymptome eintreten. Auch hier geht man von einem Zusammenhang vom dopaminergen System und Konditionierungsprozessen aus.

Weiter ging es danach mit:

BIRBAUMER: Sucht und die gelernte Freude des Gehirns: Zur Verhaltensneurobiologie der Motivation

Für Niels Birbaumer ist eine psychopathologische Theorie nicht nötig um Sucht zu erklären, weil "süchtiges Verhalten ein Spezialfall von gelernter Motivation" sei.

In der Motivationstheorie ist der Anreizwert bzw. der Aufforderungscharakter einer Situation relevant. Theorien über die Bedeutung des Anreizwertes sind die sog. Incentive-Theorien, psychomotorische Theorien oder auch Hinweisreagibilitätstheorien, die einen dreistufigen Prozeß beschreiben:

  1. Die neuronalen Systeme für Lust und Freude werden durch die Konsequenzen einer bestimmten Handlung (Einnahme) oder Ereignisse (Reizung) aktiviert. Die pure Lust und Freude entsteht.
  2. Die Freude und Lust wird mit dem Objekt, Ort, Ereignis, wo diese empfunden wird, durch das sog. klassische assoziative Lernen (Pawlov) assoziiert und
  3. danach wird Wahrnehmungen oder mentale Repräsentationen (z.B. Vorstellungen) des assoziierten Objektes ein herausragender Anreizwert zugeschrieben. Dieser Aufmerksamkeit und Orientierung erfordernde Vorgang passiert nicht im neuronalen System für Lust und Freude, sondern im sog. "mesotelenzephalen Dopaminsystem".

Für die Steigerung und Erhaltung des Verlangens sind das Lernen (klassische Konditionierung) und die zunehmende Desensibilisierung des neuronalen Anreizsystems relevant. Desensibilisierung meint hier, daß eine wiederholte Stimulation des Dopaminsystems zu einer stärkeren "Anfälligkeit" führt, d.h. immer weniger auffällige und immer unterschiedlichere Reize können eine konditionierte Reaktion auslösen.

Die pharmakologische Behandlung von süchtigen Menschen hält Birbaumer nicht für sinnvoll. Er meint, daß eine bewusste Verhinderung der Aufnahme einer Substanz während der Konfrontation mit den konditionierten Reizen (Reaktionsverhinderung) die psychomotorischen Reaktionen auf die Reize umgeschrieben werden können.

O. ESTEBAN: Sucht als Flucht - Gesellschaftliche Bedingungen von Sucht und Suchtverhalten

Der Autor versteht süchtiges Verhalten als eine Flucht, einen Versuch des Entkommens, räumt aber ein, daß der Fluchtcharakter von Drogenabhängigkeit auch als metaphysisches, transzendentales, psychosoziales Konzept verstanden werden kann. Dann würde die Flucht eher als Suche nach etwas interpretiert werden. Diese Perspektive ist für ihn jedoch eher eine Philosophische, soziologisch gesehen spricht ESTEBAN von einer Flucht.

Er kritisiert außerdem Analysen von Sucht, die sehr disziplinspezifisch und deshalb zu engstirnig sind. Jeder Wissenschaftler sei auf seinen eigenen Bereich beschränkt, die Ergebnisse darum vorprogrammiert und in erwartete Vermutungen gepresst. Es werde auf individueller Ebene zu viel, auf mikrosoziologischer Ebene zu wenig und auf makrosoziologischer Ebene kaum geforscht. Wichtig sei aber eine Verknüpfung der Ebenen, denn die Ursachen, Faktoren, Vorraussetzungen und Motivationen, die in ein süchtiges Verhalten münden, ergeben keine Kausalkette, sondern eher ein Netz.

Strukturelle, systemische, ökologische, anthropologische und qualitative Entwürfe können das Phänomen besser deuten, seien aber nicht von psychologischen und psychopathologischen Studien zu isolieren. Er nennt ein Modell für die Faktoren, die in den zum Drogenmissbrauch führenden dynamischen und verknüpften Prozeß hineinwirken können (das Spiralmodell bzw. integriertes Modell):

1. Ebene
Entfernt, strukturell: Sozioökonomische, soziostrukturelle, soziopolitische, anthropologische, kulturelle, ideologische, umweltliche und ökologische Faktoren, z.B. Bildung und Erziehung, Mängel des Gesundheitssystems, Wirtschaftsstrukturen etc.
2. Ebene
Intermediäre oder naheliegende Faktoren (spezifischere Produkte der ersten Ebene): z.B. Probleme im familiären Zusammenleben, Armut, Rassismus etc.
3. Ebene
Unmittelbare, äußerliche oder oberflächige Faktoren, unterschieden in
3.1. Gewöhnliche unmittelbare Faktoren: psychologische Faktoren wie z.B. geringe Intelligenz, Neurosen, Unsicherheit, geringe Frustrationstoleranz, Aggressivität und
3.2. Spezifische unmittelbare Faktoren: führen letztendlich zum Drogenkonsum z.B. Neugier, Wunsch nach Entspannung/Benommenheit/Konfliktentzug, leichte Verfügbarkeit von Drogen, positive Einstellung zu Drogen und deren Konsumenten, Suche nach aufregenden Erlebnissen etc.

BÖNING: Zur Psychopathologie der Sucht

Der Autor möchte die psychpathologische Sichtweise von Sucht als Versuch verstanden wissen, den Menschen als "Geist-, Kultur-, aber auch Naturwesen in Bezug zu seiner soziokulturellen Verankerung zu sehen. Er schafft einen Bogen zur philosophischen Perspektive, idem er den Menschen das individuelle und kulturelle Bedürfnis nach Ekstase und "transzendentaler Entrücktheit" zuschreibt, die dem Menschen bei der eigenen Identitäts- und Grenzfindung dienlich sind.

Natürlich wird die Frage gestellt, wann notwenige Abhängigkeiten (Bedürfnisse) in süchtige Verhaltensweisen (Krankheit) münden - dann nämlich, wenn das Verhalten eigennützig, sozialfeindlich, einseitig und dauerhaft stattfindet. Der entscheidende Zeitpunkt wird die neurobiologische Umkehrung des natürlichen Bedürfnisses zur Sucht gesehen (psychische Konditionierung = chemische Konditionierung). In diesem Moment tritt ein Freiheitsverlust ein. Der freie Entscheidungswillen wird durch ein "beeinträchtigtes sich-verhalten-können" abgelöst, denn ein süchtiger Mensch ist seiner Fähigkeit beraubt, beurteilen zu können. Bewusstes und objektives Abwägen von Motivbildungen und Handlungsintentionen sind nicht mehr möglich, d.h. Mündigkeit und Verantwortung eigene Handlungen betreffend sind stark eingeschränkt.

Der Weg in die Sucht wird hier auch als "komplexes Bedingungsgefüge Person - Umwelt - Droge" gesehen. In der Kombination seelisch-geistiger "Krankheit" und körperlicher Beeinträchtigung der Sucht findet ein Freiheitsverlust statt, der Parallelen zu Psychosen aufweist.

BECK: Sucht nach Transzendenz

Als grundsätzliche These stellt der Autor eine Umschreibung von Sucht voran: die "seelischen und geistigen Wurzeln unserer Existenz" seien eine Sucht nach Transzendenz. Während wir uns nach der Befriedigung vieler legitimer Bedürfnisse sehnen, ist die Sucht eine "ungesunde Weise des Suchens", denn sie macht das Individuum unfrei und hält es von anderen existentiellen Aufgaben ab.

Warum aber wollen wir unsere Grenzen übersteigen? Als Antwort auf diese Frage sagt Beck, die Menschen wollten ihre persönliche Freiheit entdecken und den monotonen Funktionskreis, der durch das gesellschaftliche Leben in unserer technisierten Zivilisation vorbestimmt ist.

JASPERS sieht Transzendenz als Einheit mit unserer Existenz, sie komplettiert unser Dasein. So gesehen erscheint die Suche nach Transzendenz als natürlich und gesund. Sie kann als Ebene begriffen werden, in der das Universelle, das uneingeschränkte Ich, der persönliche Gott gefunden werden kann. Weil wir diese Konstrukte aber nicht mit innerweltlichen Begriffen fassen können, bezeichnet der Autor diese Wahrnehmung als "krankhafte Sucht nach Transzendenz".

PLATON bezog der Transzendenz gegenüber eine positive Position. Nach ihm seien die "ewig vollkommenen Urbilder wie die Wahrheit, die Schönheit und das Gute auf Erden nur ein Schatten ihrer selbst und erst in "mystischer Ekstase" geistig für den Menschen erfahrbar, was erstrebenswert ist.

PLOTIN sah in der Ekstase einen Weg für den Einzelnen, sich aus der entfremdeten körperlichen/dinglichen Welt herauszubewegen und sich wieder zu verbinden mit dem reinen Geist und der wahren Seele.

Auch christliche Philosophen sahen das Transzendieren als Mittel, eine volle Identität und Freiheit zu erlangen und eine "personale göttliche Wirklichkeit zu finden".

NIETZSCHE und MARX sahen in diesem Streben auf der einen Seite die Gefahr, daß das Volk nur noch träumt, die Realität und Pflichten vernachlässigt bzw. "verändernde Aktivitäten" nicht mehr unternimmt. Auf der anderen Seite sah MARX für Arbeiter auch eine wohltuende Wirkung, die ein Blick ins jenseitige bewirken konnte.

In der Neuzeit haben wir nun das Phänomen, daß unser Leben kaum noch sinnhaft ist. Es ist technisiert ("vorprogrammiert"), wissenschaftlich geprägt und hat einen stark normierenden Charakter. Die christliche Kirche schafft immer seltener, den Menschen als ein Gegenpol oder als eine Alternative zu dieser Welt zu dienen. Scheinbar wohnt nichts mehr eine Gottgeschaffenheit inne. Gerade deswegen macht besonders die individuelle Flucht aus unseren erfahrbaren Grenzen heute einen Sinn.

Einig ist sich der größte Teil der Philosophen darüber, daß der Mensch nach seelischen und geistigen Sinnwerten sucht und diese nicht ausschließlich im alltäglichen Leben findet.

Nachdem das Referat damit zu Ende war, wurden die Teilnehmer gefragt, was denn nun Sucht sein. Aus den Antworten wurde klar, daß jede Definition anhand spez. Beispielen und Argumenten wiederlegt werden kann bzw. zu offenen Fragen führt, die nicht beantwortet werden konnten. "Die Sucht" gibt es streng wissenschaftlich gesehen also nicht, es gibt nur verschiedene Phänomene, Schwerpunkte und Ansichtsweisen.

Literatur:

  • Bogenrieder, Arno (Hrsg.): "Lexikon der Biologie", 1987, Freiburg
  • Hillmann, K.H.: "Wörterbuch der Soziologie", 1994, Stuttgart
  • Pollak, Dr. med. Kurt (Hrsg.): "Knaurs Wörterbuch der modernen Medizin", 1972, München
  • Stimmer, Franz (Hrsg.): "Suchtlexikon", 2000, München
  • Tewes, Prof. Dr. Uwe/Wildgrube, Dr. Klaus (Hrsg.): "Psychologie-Lexikon",1999, München
  • In Havemann, U.: "Suchtforschung: Bestandsaufnahme und Analyse des Forschungsbedarfes", 1991, Bonn: "Sucht - Zur neurobiologischen Grundlagenforschung in der Bundesrepublik" (S. 33 - 49)
  • In Böhm, Winfried/Lindauer, Martin: "Sucht und Sehnsucht - Über den Umgang mit Drogen und Drogenproblemen":
    Beck, Heinrich: "Sucht nach Transzendenz", S. 43 - 54, Birbaumer, Nils: "Sucht und die gelernte Freude des Gehirns: "Zur Verhaltensneurobiologie der Motivation", S. 209 - 216
    Böning, Jobst: "Zur Psychopathologie der Sucht", S. 109 - 121
    Ortega Esteban, Jose: "Sucht als Flucht - Gesellschaftliche Bedingungen von Sucht und Suchtverhalten", S. 87 - 99

 
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